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von Marc-Oliver Frisch Donnerstag, 10. Dezember 2009
Spätestens an dieser Stelle hat Dave Grigger eigentlich gewonnen. "Schnurps" bedeutet, dass man am liebsten gleich rechts ranfahren, eine weiße Fahne aus dem Fenster hängen und auf den Abschleppdienst warten würde — rein metaphorisch gesprochen. "Schnurps" auf Seite 4 = K.O. in der ersten Runde für den Rezensenten?
Natürlich sind wir keine Anfänger hier bei Comicgate. Man muss schon mehr auf der Pfanne haben als "schnurps" und "rabau", um uns für die Dauer einer ganzen Kritik einzulullen. Der innere Beckmann bleibt hart. Er fragt, mit konspirativer Mine betont entwaffnend über den Tisch gebeugt: Was ist das für ein Gefühl, Dave Grigger zu sein? Wie muss man sich das vorstellen?
Und in der Tat bleiben die Figuren am Ende des Albums blasser, als man meinen sollte. Am ehesten merkt man das an Dave selbst, einem verschrobenen Totengräber irgendwann ganz früher, der offenbar einfach so in seinem mittelalterlichen Bauwagen auf dem Friedhof vor sich hin lebt und sinnt. Gelegentlich beginnt der Held Kontur anzunehmen, wenn er seinen ungleichmäßig gewachsenen Körper beklagt, sich über die Pietätlosigkeit einer Trauergemeinschaft aufregt, sich verliebt oder — in einer der besten Szenen des Comics — sein Herz dem Tuchmacher ausschüttet. Aber die Geschichte huscht immer viel zu schnell weiter, um aus dem Sammelsurium von Standardsituationen eine eigenständige Figur mit Tiefgang entwickeln zu können.
Der Leser bleibt letztlich ahnungslos, was Dave Grigger antreibt, was er will, warum er überhaupt Totengräber ist. Um Nebenakteure wie "den Pfarrer" oder "die Zigeunerin" ist es noch schlechter bestellt: Sie sind primär Schmiermittel für den Plot und tun immer genau das, was die Handlung erfordert. Greifbare, ausdefinierte Figuren entstehen so leider nicht—es bleibt bei den üblichen, wenig interessanten Stereotypen des "weisen Alten" und der "mysteriösen Schönen".
Die Handlung dreht sich um widerspenstige Totenschädel und Dämonen, die auf dem Friedhof ihr Unwesen treiben und Pest und Verderben über das Land bringen, ehe Dave den Spuk beenden kann — oder so ähnlich. Der erzählerische Kniff auf der letzten Seite liefert einen Abschluss, den man zwar nicht unbedingt kommen sieht, der aber andererseits dramaturgisch auch nicht wirklich funktioniert.
Denn erstens verraten eben die 42 Seiten davor so gut wie nichts über den Protagonisten und sein Leben, lassen dem Leser also keine Chance, die Bedeutung seines Schicksals einzuordnen. Und zweitens lässt der Schluss der Geschichte weder stilistisch noch inhaltlich einen Zusammenhang mit ihrem Anfang erkennen. Vor allem: Das angestrengt smart wirkende Ende passt nicht zum leichtfüßigen Bummelstil des Albums — und ist auch für sich genommen nicht mehr einer der frischeren Kunstgriffe, mit denen sich eine phantastische Geschichte abschließen lässt.
Insgesamt ist es bestimmt kein Schaden, dass nicht alles in Dave Grigger generalstabsmäßig durchgeplant ist. Besonders gut kommt das im reichlich verschwurbelten und sehr lesenswerten letzten Drittel rüber. Andererseits scheinen die Haken, die der Plot schlägt, dann manchmal doch arg beliebig. Die zweiseitige Episode mit dem garstigen Zwerg beispielsweise, der Dave Grigger seine Geldbörse stiehlt, ist wohl ganz nett; zur Geschichte oder ihren Figuren trägt sie aber nichts bei.
Nichts zu meckern gibt's hingegen bei den Zeichnungen. Surreale Landschaften, ausdrucksvolle Körpersprache und jede Menge cross-hatching dominieren das Bild. Die Arme sind lang, haben keine Ellenbogen, erinnern entfernt an Tragegriffe—und die Figuren selbst haben nicht selten etwas Spinnenhaftes. Der Comic liest sich nicht nur flüssig und mit viel Schwung von Panel zu Panel und von Seite zu Seite, sondern schafft es — zumindest optisch — eine Welt mit Tiefe und Kontrasten zu erschaffen, von der man gerne mehr sehen möchte.
Unterm Strich bleibt eine ansprechend gestaltete, symbolisch reichhaltige und durchaus sympathische Geschichte, die aber inhaltlich — trotz "schnurps" — leider nicht überzeugen kann. Am Ende weiß ich nicht mehr über Dave Grigger als auf der ersten Seite, und das ist schade; das Zeug zu einer interessanten Figur hat er allemal.
Dave Grigger
Beatcomix/Holzhof, Mai 2009
Zeichnungen und Texte: Mamei
Tusche und Lettering: Ivo Kircheis
Album, 48 Seiten, schwarzweiß, Softcover, € 10,00
ISBN 978-3-939509-92-9
Abbildungen: © Mamei & Ivo Kircheis / davegrigger.com















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Nach seinem Erfolg mit
In dem neuesten Band von Jan-Michael Richter (kurz Jamiri), Arsenicum Album, behandelt der Zeichner in ganzseitigen Cartoons die Tücken des Alltags, der Technik und das Leben in der Großstadt. Die meisten Cartoons gewinnen ihren Witz normalerweise durch graphische
Aussparungen: der Dialog oder die Situation wird zumeist erst in der
detaillierteren Zeichnung des letzten Panels aufgelöst und liefert so
die Pointe. Dieses Prinzip ist vor allem in den Cartoonserien zu
finden, die ursprünglich in Zeitungen abgedruckt wurden, wie z.B. bei Garfield, Hägar und auch bei den Peanuts.
Über die polnische Comicszene weiß ich nicht besonders viel – eigentlich nur, dass sie existiert. Bekannt ist, dass es ein jährliches Comicfestival in Lodz gibt und eine Reihe von Comicverlagen, bei denen auch schon Werke des einen oder anderen deutschen Künstlers, wie Mawil oder Sascha Hommer, publiziert wurden.
Den Stuttgarter Martin Frei darf man mittlerweile schon fast zu den
Veteranen unter den deutschen Comic-Zeichnern zählen. Seit bald 25
Jahren veröffentlicht er Comics und legt dabei eine erstaunliche
stilistische und inhaltliche Palette an den Tag: Science Fiction (Gregor Ka), Horror (Kurzer Prozess), Fantasy (Asanghia), aber auch Krimi- (Tatort) und Funny-Comics (Superbabe) hat Frei bereits gezeichnet. Sein neuestes Werk ist eine Mischung aus den beiden letztgenannten.
- 05.01.2009
