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von Benjamin Vogt Freitag, 07. August 2009

 In einer regnerischen Nacht geschieht ein schrecklicher Unfall: Eine Familie ist mit ihrem Wagen gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, da bei der Mutter die Wehen eingesetzt haben, als ein Baumstamm, durch das Unwetter entwurzelt, auf das Fahrzeug fällt.

Gut zwei Jahrzehnte später liegt eine junge Frau mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Boden ihrer Wohnung. In melancholischer Stimmung grübelt sie über ihr Leben nach und darüber, warum ihre Mutter sie so früh verlassen hat. Zur gleichen Zeit bereitet sich eine alte Dame auf die nahenden Regenmassen vor, von denen in den Nachrichten nur als das sprichwörtliche „Ende der Welt“ die Rede ist.

Im Haus des Vaters der jungen Frau treffen die Protagonisten schon bald aufeinander, die eine erscheint dort, um nach der Katze des im Krankenhaus liegenden Vaters zu sehen, die andere sucht Zuflucht vor dem heftigen Unwetter. Es beginnt eine geheimnisumwitterte Begegnung, in deren Verlauf die alte Dame, die, nebenbei gesagt, mit Katzen sprechen kann, ihre Gastgeberin in ein ehemals verbotenes Zimmer des Hauses führt. Während das Ende der Welt hereinbricht, begibt sich die junge Frau auf eine Reise zwischen Traum und Realität …

 Mit dick schwarzen Kreidestrichen fängt Illustrator Tom Tirabosco die durchgängige düstere, bedrohliche Stimmung ein. Die ständige Präsenz des Platzregens und der Überschwemmung wirkt durch diese grafische Ausdrucksweise zusätzlich beklemmend und erst aufs Ende zu wird diese Stilistik durch surreale und traumwandlerische Sequenzen aufgebrochen. Zentral ist hier die Gefühlswelt der jungen Frau, die offenbar von Selbstzweifeln geplagt und mit ihrem Leben wenig zufrieden ist, sei es nun ihre Beziehung, ihr Aussehen oder das Verhältnis zu ihren Eltern betreffend.

Pierre Wazems Erzählung basiert einerseits auf der Möglichkeit der recht freien Interpretation, aber andererseits auch auf den mysteriösen Momenten, die durch die redselige Katze, die in Rätseln sprechende alte Dame oder das mysteriöse Zimmer verkörpert werden. Entsprechend wird einem der Hintergrund der Anfangssequenz auch nicht sofort deutlich vor Augen geführt und deren Sinn ergibt sich erst im weiteren Verlauf der Geschichte.

 Sehr eindrucksvoll ist auch die intensive Bildsprache des Bandes. Oft kommt diese völlig ohne Worte aus und wirkt allein durch das Einfangen passender emotionaler Momente oder Eindrücke des sintflutartigen Wetters. Zudem arbeitet der Comic mit vielen Symbolen, die sich öfter wiederholen und ihre Bedeutung erst nach und nach entfalten. Spätestens wenn sich Traum und Realität vom Leser vollends nicht mehr klar trennen lassen, lassen sich diverse Symbole zuordnen und Verknüpfungen erkennen.

Tirabosco und Wazem gelang mit Das Ende der Welt ein märchenhaftes Comicalbum, das seine Stärke aus der atmosphärischen Dichte bezieht. Es ist ein melancholisches Werk, das mit seiner tiefen schwarz-blauen Kolorierung unaufgeregt, aber enorm einprägsam auf den Leser einwirkt.

 

Das Ende der Welt
Avant-Verlag, Juni 2009
120 Seiten; Softcover; 17,95 Euro
Text: Pierre Wazem
Zeichnungen: Tom Tirabosco
ISBN: 978-3-939080-39-8

Melancholische Selbstfindung

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Abbildungen: © Avant-Verlag

 



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