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von Thomas Kögel Dienstag, 13. September 2011

Cover Das ausschweifende Leben des Nylonmanns Es ist zweifellos eine sehr ungewöhnliche Geschichte: Ein junger deutscher Comicleser ist vernarrt in die Werke von Hermann (Comanche, Jeremiah, Die Türme von Bois-Maury) und schreibt ihm jahrelang Briefe. Bis dieser eines Tages zurückruft und aus einigen Telefonaten eine Freundschaft entsteht. Viele Jahre später darf jener Leser schließlich ein Comic-Szenario für sein Idol schreiben. Ein wahrgewordener Fanboy-Traum.

Das Ergebnis ist ein Comic, der 2007 in Frankreich bei Lombard erschien und der nun vom Splitter-Verlag sozusagen zurück in sein Ursprungsland geholt wurde. Der Gießener Hans-Michael Kirstein, im Hauptberuf freier Illustrator, hat für Starzeichner Hermann ein Szenario ersonnen, dessen Grundidee am Kneipentisch entstand. Ausgangspunkt war Kirsteins Frisur, die in den Worten von Hermann so festbetoniert wie Nylon erscheint. Nach seinem Ebenbild zeichnete Hermann die Hauptfigur des Comics.

Die Geschichte, die der Comic erzählt, spielt in einer bunt-verrückten Zukunft, wo die Macht in den Händen von mächtigen Gentechnik-Konzernen liegt. Eine junge Frau, deren Mutter gerade gestorben ist, versucht mit Hilfe eines Privatdetektivs ihren verschollenen Vater zu finden. Dieser Vater ist Dr. Wedgeworth Rutherford, ein Genforscher und Frauenheld, der einige unseriöse Geschäfte am Laufen hat.

Seite aus Das ausschweifende Leben des Nylonmanns Wirklich wichtig ist die Handlung allerdings nicht. Kirstein und Hermann geht es darum, eine völlig verrückte, absurde Welt zu zeigen, bevölkert von ebenso absurden, versponnenen Figuren. Da gehen Passanten mit Riesenschlangen Gassi, Polizisten reiten auf Giraffen und auf dem Markt gibt's schwedische Bananen.

Es ist gut, dass die deutsche Ausgabe des Albums mit einem umfangreichen Bonusteil ausgestattet ist, der unter anderem ein langes Interview mit dem Autor enthält. Offenbar hat auch der Verlag gespürt, dass dieser Comic erklärungsbedürftig ist. Kirsteins Erläuterungen helfen tatsächlich beim Verstehen und Einordnen des Nylonmanns. Ohne diesen Background stünde man der Absurdität der Story wohl ziemlich hilf- und fassungslos gegenüber. So aber erfährt man, dass es Kirstein darum ging, typische Motive aus Hermanns Comic-Kosmos satirisch zu überhöhen: "Der Nylonmann ist für mich [...] eine übersteigerte Art, vieles, was in Jeremiah angelegt ist, einfach noch mal so richtig zu überziehen [...], auch Hermann-Typen und -Charaktere ein bisschen zu dekonstruieren".

Gut möglich, dass sich diese Anspielungen den eingefleischten Fans von Hermann und seinem Werk erschließen und ihnen großes Vergnügen bereiten. Wer mit dessen Werk aber nicht oder nur wenig vertraut ist, wird mit dem Nylonmann nicht viel anfangen können, denn als eigenständige Geschichte funktioniert dieser Comic nicht. Viel zu stark holpert der Plot, die Handlung macht unnachvollziehbare Sprünge und kaum etwas will zusammenpassen. Dazu kommt noch eine unnötig hohe Dosis Gewalt im letzten Akt, bei der mal eben Dutzende von Personen erschossen werden, einschließlich einer Figur, bei der das sehr wenig Sinn ergibt.

Seite aus Das ausschweifende Leben des Nylonmanns Der gesamte Comic fühlt sich seltsam altbacken an, von der grafischen Anmutung über die dargestellten, leicht angegrauten Science-Fiction-Utopien bis hin zum Humor, der gerne mal in Richtung Altherrenwitz abdriftet. Nichts davon wirkt frisch oder neu – man glaubt eher, einen Comic aus den Siebziger oder Achtziger Jahren vor sich zu haben. An die großen Vorbilder, denen Kirstein erklärtermaßen nacheifert (er nennt Monty Python und die Marx Brothers), reicht diese eigenwillige Mischung aus Holzhammer-Satire, Nonsens und Zoten nicht ansatzweise heran. Dazu fehlt es vor allem an wirklich witzigen Gags und geistreichen Einfällen.

Auch Hermanns Zeichnungen wissen nicht richtig zu begeistern. Im Gegensatz zu anderen Arbeiten von ihm wirken sie hier weniger filigran, eher skizzenhaft. Der locker hingeworfene Strich wirkt zwar elegant und passt auch ganz gut zum Inhalt, betont aber umso mehr, dass dieser Comic für den Zeichner eher eine kleine Spinnerei zwischendurch als ein ambitioniertes Projekt war.

Der Duden weist dem Wörtchen "komisch" (von dem ja auch der Begriff "Comic" abstammt) zwei Definitionen zu. Zum einen "belustigend, zum Lachen reizend", zum anderen "sonderbar, seltsam". Der Nylonmann wäre gerne Ersteres, neigt aber ganz stark zu Letzerem.

 

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Wertung: 3 von 10 Punkten

Eigentümliches Spezialprojekt für Hermann-Kenner und -Komplettsammler.

 

Das ausschweifende Leben des Nylonmanns
Splitter Verlag, August 2011
Text: Hans-Michael Kirstein
Zeichnungen: Hermann
72 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-331-7
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag



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