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(Vortrag/Diskussion)
von Thomas Kögel Dienstag, 06. Juli 2010
Die erste, 80 Seiten starke Ausgabe, die Anfang Juni erschien, zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig und qualitativ hochwertig Comics aus Deutschland (bzw. aus der Schweiz und Österreich) heute sind: Das Wörtchen "Mix" im Titel Comix wird hier großgeschrieben, denn die grafische und inhaltliche Bandbreite ist enorm. Redaktionsleiter Martin Jurgeit hat für sein neues Magazin reichlich interessanten Stoff aufgetrieben. Als wichtige Quelle dient dabei nicht zuletzt die immer rühriger werdende Webcomic-Szene.
Comix enthält vier Flaggschiff-Titel, die als Fortsetzungsgeschichten in jeder Ausgabe dabei sein werden: Zu den Highlights gehört ganz sicher die Serie deae ex machina von Erik, die bereits seit Januar 2009 als Webcomic läuft. In einer exzellent gezeichneten Mischung aus Asterix und 300 lesen wir von den Erlebnissen einer römischen Legion, die im Jahr 70 nach Christus in Germanien stationiert ist. Zumindest im ersten Kapitel, denn worum es in dieser Saga eigentlich geht, lässt sich auf den ersten Seiten nur erahnen.
Ebenfalls schon als Online-Comic verfügbar ist Ewiger Himmel, eine autobiografische Erzählung von David Boller. Der Schweizer Zeichner ging in den Neunziger Jahren in die USA und arbeitete dort als professioneller Comiczeichner für fast alle großen Verlage. Inzwischen ist er zurück in der Schweiz, wo er 2009 sein Webcomic-Portal Zampano gründete und dort unter anderem diese Serie veröffentlicht, in der er auf sehr persönliche Weise vom Aufbruch eines jungen Künstlers ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten erzählt, aber auch von geplatzten Träumen und Illusionen.
Als Vorab-Veröffentlichung erscheint Vasmers Bruder, gezeichnet von David von Bassewitz nach einem Szenario von Peer Meter, der sich in seiner "Serienmörder-Trilogie" (zu der auch Gift und Haarmann zählen) mit Gestalten der deutschen Kriminalgeschichte beschäftigt. Der Comic dreht sich um Karl Denke, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Schlesien mehr als 30 Menschen getötet und verspeist hat. Die hier abgedruckten elf Seiten (eine davon leider doppelt) vermitteln eine sehr düstere Grundstimmung und eröffnen eine Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt. Über die Geschichte geben sie noch nicht viel Aufschluss; dem Material ist deutlich anzumerken, dass es ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung in Serienform konzipiert ist.
Neben diesen vier Fortsetzungsgeschichten enthält Comix noch eine Reihe von abgeschlossenen Stories. Als prominentes Zugpferd dient Ralf König mit seiner Kurzgeschichte Der heilige Antonius vom Wienerwald, die komplett in österreichischer Mundart verfasst ist. Hier arbeitet sich König einmal mehr an seinem aktuellen Lieblingsthema ab und spottet über Religion, wenn er einen Einsiedlermönch mit fleischlichen Versuchungen kämpfen lässt.
Außerdem an Bord: Eines der autobiografischen Rezepte-Comics von Greta aus ihrem selbstverlegten Minicomic Vom Kochen, ein Onepager von Christian Turk (Mehr als Kumpels um eine Schwulen-WG) sowie Kostproben aus Online-Comics von Marc Seestaedt, Ulf Salzmann und Johannes "Beetlebum" Kretzschmar.
Alles in allem eine sehr runde Mischung, die vor allem durch ihre große Vielfalt besticht. In Comix wird wieder einmal deutlich, wie groß die Palette an Möglichkeiten ist, die dieses Medium zu bieten hat. Für außergewöhnlich wenig Geld bekommt man eine Menge sehr gut gemachten und unterhaltsamen Lesestoff. Dass etwa die Hälfte des Heftes aus bereits anderswo veröffentlichtem Material besteht, ist nicht weiter schlimm, da der Großteil der angepeilten Leserschaft (JNK peilt eine Kernzielgruppe zwischen 16 und 45 Jahren an) dieses wohl noch nicht kennen wird. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn man im redaktionellen Teil auf die Hintergründe der abgedruckten Comics näher eingehen würde. So könnte der Leser beispielsweise erfahren, warum der Comic des Kölners Ralf König in Wiener Dialekt geschrieben ist (die Geschichte erschien ursprünglich als "Automatenheft" bei der Wiener Kabinett-Passage).
Schmerzlich vermisst wird auch ein Editorial, das die Leserschaft an die Hand nimmt und ihr erklärt, was für eine Art Zeitschrift sie hier eigentlich in der Hand hält und was sie künftig erwarten kann. Ganz verzichten muss man auf einen redaktionellen Teil zwar nicht , dieser ist jedoch nicht das Glanzlicht des Heftes: Unter dem Titel "Ein Autor und sechs Zeichner" werden mit ein paar Bildern und sehr knappem Text die aktuellen Comicprojekte von Peer Meter und ihre Künstler vorgestellt. Anders als die Überschrift behauptet, werden jedoch nur fünf Zeichner aufgeführt. Wo ist der sechste? In der Heftmitte gibt es den "Comixene-Newsletter", der vor allem aus einer Auflistung aktueller Neuerscheinungen besteht (eine eher verzichtbare Einrichtung), aber immerhin auch drei informative Kästen enthält, die besonders bemerkenswerte Novitäten näher beleuchtet. In den nächsten Ausgaben sollte man redaktionell unbedingt noch nachlegen, vor allem auch, weil die Fortsetzungscomics wohl nur schwer ohne einleitende Worte ("Was bisher geschah") auskommen können.
Comix strebt (nicht zuletzt durch den günstigen Preis) eine möglichst breite Leserschaft an und soll auch Käufer erreichen, die sonst keine Comics kaufen. Ob dies gelingt, wird entscheidend daran liegen, ob die Bahnhofsbuchhändler, die das Heft anbieten, Comix so platzieren können, dass die Kundschaft es auch findet. Ein Vertrieb an Kioske außerhalb der Bahnhöfe ist bisher nicht geplant. Dafür soll Comix neben der Printausgabe zusätzlich auch online angeboten werden. Beim Portal Comicstars kann eine digitale Ausgabe zum gleichen Preis erworben werden – allerdings ist dieses Angebot momentan noch nicht verfügbar. Der parallele Digital-Vertrieb ist einerseits sicherlich sinnvoll und innovativ. Andererseits beißt sich die Katze konzeptuell doch in den Schwanz, wenn (frei verfügbare) Webcomics aus dem Netz erst in ein Printformat geholt werden, um dann wieder digital verkauft zu werden.
Trotz der genannten Schwächen in der ersten Ausgabe ist Comix ein sehr erfreulicher Neuzugang in der hiesigen Comiclandschaft, dem man nur möglichst viel Erfolg und einen langen Atem wünschen kann. Die Konzentration auf deutschsprachige Eigenproduktionen ist keineswegs eine Schwäche, sondern der große Pluspunkt an der Zeitschrift. Im Idealfall könnte die heimische Comicszene so ein breites Publikum erreichen, das bisher noch nicht ahnt, welche Perlen sie zu bieten hat.
Comix 1
JNK Verlag, Juni 2010
diverse Autoren und Zeichner
Heft, farbig und s/w, 80 Seiten, 2 Euro

Überzeugende Auswahl heimischer Comics zum Minipreis mit Mängeln bei der redaktionellen Begleitung
Abbildungen: © JNK Media / New Ground Publishing
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Erik ist ein deutschsprachiger Künstler, der vielen vielleicht bereits bekannt ist durch seine Zeitreise-Historien-Epos Deae Ex Machina, das er ursprünglich als Webcomic gestartet hat (und auch bis heute weiterführt), das aber seit geraumer Zeit ebenso fester Bestandteil des Magazins Comix ist, wo die Geschichte als Fortsetzungscomic erstmals in gedruckter Form erscheint. Neben diesem bereits beeindruckenden Mammutprojekt (für mich regelmäßig das Highlight des Comix-Magazins), legte der fleißige Saarländer unlängst sein erstes richtiges Comicalbum bei Epsilon vor.
Serienmörder und ihre Taten üben eine eigenartige Faszination auf uns
aus. Verbrechen, die Jahrzehnte, manchmal gar Jahrhunderte zurückliegen,
werden nicht vergessen und zu den Akten gelegt, sondern immer wieder
thematisiert - und durch die Verarbeitung in Kino, Fernsehen oder
Kriminalroman auch zu einem Stück Popkultur. Dass sich historische
Serienmorde auch als Thema für Comics eignen, will der Autor Peer Meter
beweisen, indem er gleich drei solche Stoffe zur Graphic Novels
verarbeitet. Der erste davon erschien kürzlich bei Reprodukt: In Gift
geht es um eine Frau namens Gesche Gottfried, die in den 1920er Jahren
in Bremen insgesamt 15 Menschen vergiftet hatte und 1831 hingerichtet
wurde.
- 26.07.2010
Ralf König erzählt in Prototyp die
Schöpfungsgeschichte frech und respektlos neu. Der Prototyp der
Menschheit ist Adam, die Hauptrolle kommt jedoch einer Schlange zu, dem guten
alten "Luz", wie sie genannt wird. Der Leser wird durch die von König
inszenierten Dialoge - vornehmlich zwischen Luz und Gott, der nur als Stimme in
Fraktur in Erscheinung tritt - in eine ganze Reihe von Erwägungen zur
Schöpfung und dem Menschsein verwickelt. Und diese zeichnen sich durch ein
Maximum an Wort- und Bildwitz aus, der aufs Königlichste zu amüsieren weiß und
manchmal zum Nachdenken verführt.
- 31.03.2009
In Prototyp präsentierte Ralf König seine Version der Schöpfungsgeschichte. Nun gibt es die Fortsetzung: Archetyp
dreht sich um Noah und sein berühmtes Schiff, das er baut, um der
Sintflut zu entgehen. Der Comic erschien zunächst als täglicher Strip
in der Frankfurter Allgemeinen, die Buchausgabe im Rowohlt
Verlag ist jedoch mehr als ein bloßer Nachdruck des Zeitungscomics. Für
das Hardcover entwarf König neue Seitenlayouts, überarbeitete manche
Panels und nicht zuletzt ist diese Ausgabe (fast) durchgehend farbig
statt schwarz-weiß.
- 25.11.2009