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von Benjamin Vogt Dienstag, 02. Februar 2010
Einen Strick dreht sich Autor Thierry Gloris auch, indem er die ruhige Erzählebene allzu vorzeitig durch einen rasanteren, aber deutlich oberflächlicheren Plot sabotiert. So actiongeladen sich die Geschichte von Gloris entwickelt, so harmlos, im positiven Sinne, beginnt sie: Thomas, ein unauffälliger junger Student in Paris, betäubt sich regelmäßig mit Absinth und Opium, um den Abgründen seiner Familie zu entfliehen. Letztere Tatsache fungiert für den Storyaufbau als durchaus ansehnlicher Kontrastpunkt, der mit seiner pessimistischen Grundnatur gehörig im Widerspruch zum damals vorherrschenden Zeitgeist der Belle Epoque (der etwa 30-jährige Zeitraum in Europa um 1900 herum) fungiert.
Bis hierhin ist Codex Angélique die gelungene Charakterstudie eines gebrochenen Jugendlichen, der bei seinem scheinbar verrückten Onkel lebt. Dieser versucht nämlich seit geraumer Zeit, Thomas' verstorbene und nun tiefgefroren im Laboratorium des Onkels vor sich hin vegetierende Mutter zum Leben zu erwecken. Endgültig in seinem Wahn bestätigt wird Onkel Ernest, als ihm schließlich das obskure Buch "Codex Angélique, das Kompendium der Engel" in die Hände fällt. Ab hier wird es auch für den Leser mehr als anstrengend, der eigentlichen Story zu folgen: Der Plan zur Wiederbelebung sieht die Benutzung einer absurden Apparatur vor, die der Forschung Dr. Frankensteins in nichts nachsteht. Ein Engel soll entführt und gefangen werden und Gott dadurch erpresst werden, Thomas' Mutter aus der Vorhölle zu entlassen.
Was den Band versöhnlicher gestaltet, sind Mikaël Bourgouins fabelhafte Zeichnungen. Dabei möchte ich gar nicht zu lange darauf herumreiten, wie künstlerisch anspruchsvoll und handwerklich perfekt sie sind, sondern eher auf die Anpassungsfähigkeit Bourgouins verweisen: Was einem beim ersten Lesen womöglich nicht sofort ins Auge auffällt, was dem aufmerksamen Auge des Rezensenten aber natürlich nicht verborgen bleibt, ist die Tatsache, dass sich die Optik innerhalb des Gesamtwerkes wandelt. Besonders stark bemerkt man dies, wenn man am Ende nochmal zu den Anfangsseiten blättert. Während dort nämlich die Bilder noch zurückhaltender und matter erscheinen und auch die Personen kantiger gestaltet sind, verliert sich dieser Eindruck später immer mehr zugunsten glatterer, aufwendigerer Texturen. Das ist auch durchaus passend, wird somit doch auch von der äußeren Form her die ruhigere Belle Epoque verlassen und dem übersinnlichen, rasanten Plot Rechnung getragen.
Codex Angélique - Kompendium der Engel
Ehapa, Januar 2010
Text: Thierry Gloris
Zeichnungen: Mikaël Bourgouin
144 Seiten, Hardcover; 39,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3339-1
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Abbildungen © Mikaël Bourgouin, der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection
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