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von Andreas Völlinger Montag, 07. März 2011

chew_cover Als Autor John Layman mit seiner Idee von einem Cop, der mittels einer außergewöhnlichen Geschmacksbegabung die Geschichte und Herkunft einer jeden Speise erfahren kann, in der amerikanischen Comicverlagslandschaft hausieren ging, lehnten alle Redakteure naserümpfend ab. Die Zurückweisung kam dem ehemaligen Wildstorm-Redakteur jedoch letztendlich zugute: Nachdem er den Start der Serie Chew 2009 auf eigene Faust finanziert und für den Vertrieb bei Image Comics untergebracht hatte, kam sie derart gut bei den Lesern an, dass die ersten Ausgaben mehrmals nachgedruckt werden mussten. Obendrauf gab es 2010 noch einen Eisner Award, zwei Harvey Awards und zwei Nominierungen für die britischen Eagle Awards. Da musste so mancher Redakteur, der Layman zuvor davongescheucht hatte, wahrscheinlich ein paar Mal sehr tief in eine Papiertüte atmen.

Was Chew vor allen Dingen auszeichnet ist Originalität, denn hier wurden äußerst mutig eine Menge sehr unterschiedlicher Aspekte verquirlt: Die brandheißen Thematiken Ernährung und Lebensmittelindustrie mit harten Krimigeschichten und Verschwörungs-Arien a la Akte X, dazu tiefschwarzer Humor, abstruse Pulp-Ideen und Over-the-top-Actioneinlagen. Mittelpunkt des Ganzen ist der Polizeibeamte Tony Chu, der aufgrund der oben erwähnten Besonderheit seiner Geschmacksknospen zur US-Lebensmittelbehörde FDA versetzt wird, welche nach einer furchtbar um sich wütenden Vogelgrippenpandemie zur mächtigsten Behörde der Vereinigten Staaten aufgestiegen ist. Chus von ihm selbst verfluchtes Talent als "Cibopath" macht ihn aus der zynisch-praktischen Sicht seiner Vorgesetzten zum perfekten Ermittler – in Sachen Morde, die im Zusammenhang mit Essen und Kannibalismus stehen. Denn Tonys Gabe beschränkt sich natürlich nicht auf pflanzliche Nahrung und tierisches Fleisch. Diese perfekte Grundlage für kulinarische Schock- und Ekelszenen nutzt Layman dann auch mit perfidem Spaß.

Zusammen mit seinem ebenfalls cibopathiebegabten Partner Mason Savoy, einem hinreißend klobig gezeichneten, Monokel tragenden Gentleman-Agenten, taucht Chu immer tiefer in die Abgründe einer Gesellschaft, in der Hühnchenfleisch schärfer verboten als Kokain ist, illegale Restaurants im Stil der geheimen Kneipen der Prohibitionszeit existieren und für Essen wieder gemordet wird. Trotz der stark dazu verlockenden Thematik widersteht Layman dabei jedweder moralinsauren Predigt wie auch allzu aufklärender Sachlichkeit. Nicht, dass ein aufrüttelnder Comic über die dimensionsmäßig völlig aus dem Ruder laufende Massentierhaltung und die immer bizarreren Praktiken der Lebensmittelindustrie so falsch wäre. Aber diesen Part möchte Chew nicht übernehmen. Dieser Comic ist klar ein Stück Unterhaltungskunst, kein Comicessay über Ermährung, sondern vornehmlich ein makabrer Krimithriller mit einem paranormalen und dystopischen Einschlag. Die Essensthematik dient – jedenfalls im vorliegenden Sammelband 1 mit den ersten fünf Heften – mehr als dicht ausgearbeiteter Hintergrund für Chus bizarre Fälle als FDA-Agent.

Der offensichtliche Spaß des Autors Layman an dieser Art von Erzählung und dem vergnüglichen Spiel mit zahlreichen Tabus springt durch Rob Guillorys einnehmenden Zeichenstil auch auf den Leser über. Sein Mix aus sympathischer Indie-Ästhetik und ansprechender Mainstream-Optik, gezielter anatomischer Übertreibung und ausdrucksstarken Gesichtern trägt einen nicht unbedeutenden Anteil dazu bei, dass Chew so gut als Leseerlebnis funktioniert. Beispielhaft sei hier nur auf ein Panel verwiesen, in dem Tony Chu eine massive Ladung Erbrochenes ins Gesicht fliegt, und das zugleich erfolgreich romantische Glückseligkeit (!) zu transportieren vermag. Ein entschiedenes optisches Manko des Comics geht dabei nicht auf Guillorys Konto, sondern auf das des deutschen Verlages Cross Cult: Einen derart textstarken und detailfreudigen Comic auf das zwar angenehm handliche. doch hier etwas zu gedrängt erscheinende A5-Hausformat zu schrumpfen, ist nicht ganz nachvollziehbar. Gerade weil im Fall anderer Comics wie z.B. The Surrogates ebenfalls ein größeres Format drin war. Dass sich Chew aber auch in dieser Form noch gut lesen läßt, ist vor allem Rob Guillorys ausdruckstarken Bildern und gekonntem Panellayout zu verdanken.

Wie auch Laymans Scriptvorlage ist Guillorys zeichnerische Umsetzung ein gutes Stück entfernt vom Comic-Mainstream, das Ergebnis besitzt aber paradoxerweise eine Menge Massenappeal. "Leichenschmaus" ist ganz klar einer der Comics, den man Nicht-Comiclesern unter die Nase halten muss. Doch am besten nicht gerade beim Essen. 

 

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Wertung9 von 10 Punkten

Eigensinnig, pulpig, schwarzhumorig und extrem unterhaltsam: ein Indie-Krimicomic mit viel Massenappeal!

 

Chew - Bulle mit Biss 1: "Leichenschmaus"
Cross Cult, Dezember 2010
Text: John Layman
Zeichnungen: Rob Guillory
128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 16,80 Euro
ISBN: 978-3-942649-18-6
Leseprobe

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links

Interview mit John Layman
Interview mit Rob Guillory

Abbildungen © John Layman , der dt. Ausgabe: Cross Cult

Disclosure/Klarstellung: Die deutsche Ausgabe von Chew 1 wurde von den CG-Redakteuren Marc-Oliver Frisch und Frauke Pfeiffer übersetzt bzw. lektoriert.



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