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von Christopher Strunz Samstag, 08. April 2006

In der Welt der Comics werden Frauen meistens aus der Phantasie von Männern geschaffen. Angesichts des prekären Standes von Comics in der Kulturindustrie wäre es aber falsch, wenn man das gesamte Medium als Vehikel für regressive Männerphantasien bezeichnet.
Man braucht sich nur einmal die Aufmerksamkeit des Feuilletons für erotische Bildbände anzuschauen und man ist im Bild. Helmut Newton, David LaChapelle und Nobuyoshi Araki werden gerne gefeaturet.
Jule K. trifft man im eigenständigen Comicjournalismus, in ELLE girl oder Allegra. Soviel zur Aufmerksamkeit für das visuell erzählende Medium Comic?

Cherry Blossom Girl ist eine Geschichte, die von dem bewegten Alltag einer neunundzwanzigjährigen Frau erzählt. Als Teenager hieß sie Nele, doch mit dem Verzehr von halb vergorenen Kirschen mutierte sie zum extrem cool aussehenden Cherry Blossom Girl.
Wie bei anderen Superhelden ist es ihre Aufgabe, schwere Verbrechen zu verhindern und Katastrophen aufzuhalten. Diese Katastrophen deuten sich allerdings auf einer alltäglichen sozialen Ebene an und sind keine Banktransporterüberfalle, Naturkatastrophen oder Weltverschwörungen. Nein, Cherry rettet Frauen davor, mit Liebeskummer, Eifersucht, dummen Anmachen oder peinlichen Situationen konfrontiert zu werden.

Sie wohnt in Hamburg, hat ihr Kunststudium abgebrochen und ist eng mit Biene und Susi befreundet. Sie geht gerne Partys feiern, flirtet und verliebt sich, doch gerät sie aufgrund von Arbeitslosigkeit, Depression, Geldmangel und Liebeskummer in eine existentielle Krise, in der sich ihr die ernste Bedeutung von Freundschaft zeigt. Es gibt eine Liebesgeschichte, doch wird diese unter romantischen Vorzeichen erzählerisch nicht besonders ernst genommen. Vielmehr geht es um die individuelle Entwicklung von Nele; ihre realen Ängsten und Hoffnungen als Frau um die dreißig, die ein Studium abgebrochen hat, sehr gerne Verantwortung für andere Mädchen als Cherry Blossom Girl übernimmt, weil sie, wie es scheint, dadurch die Ängste ihrer eigenen Evolution als Comicautorin verdrängen kann.


Jule K. weiß, wovon sie erzählt. So unnötig es ist, die Geschichte als Darstellung des eigenen Lebens der Autorin zu lesen, so sollte auf die wirklichen sozialen Probleme hingewiesen werden, mit denen es Comicautorinnen ihres Alters zu tun bekommen.
Jule K.s Protagonistin Cherry Blossom Girl ist wie sie selbst Illustratorin und Comicautorin.
Vor Cherry Blossom Girl ist wahrscheinlich Strange Girls die bekannteste Reihe der Autorin (Ego Verlag). Die 1974 geborene Hamburgerin veröffentlichte Comics hauptsächlich im Eigenverlag, in linken Tageszeitungen, Popmagazinen, Comicfanzines und -zeitschriften.

Nele führt ein Leben mit sehr wenig Geld. An einer Stelle der Geschichte bekommt Cherry den Bescheid, dass ihr die Sozialhilfe fristlos gestrichen wird. Sie muss sich einen Job als Reinigungskraft besorgen, um ihre Miete zahlen zu können. Gegen die existentielle Bedrohung durch das fehlende Geld setzt sie aber ihre eigene Arbeit als Comicautorin. Sie fängt an, künstlerisch tätig zu werden, redet und feiert mit ihren Freundinnen Biene und Susi.
Sie knüpfen zusammen Bündnisse gegen die wirtschaftliche Verelendung, denn Cherry und Biene gehen gemeinsam zu einem mit viel Geld dotierten Comicwettbewerb, bei dem sie schließlich beide gewinnen. Wenn etwas an dem Comic verdient, feministisch genannt zu werden, dann ist es die Geschichte, die zeigt, wie wichtig im Unterschied zu Sozialamt, Heirat, Superheldenjob und One-Night-Stands Freundschaften sind.

Cherry Blossom Girl wird in Schwarz-Weiß erzählt. Wenn man die Illustrationen und Comics der Künstlerin von ihrer Homepage kennt, enttäuscht es zunächst, dass dieser Comic nicht in Farbe veröffentlicht wird. Durch die Wahl der Schwarz-Weiß-Illustration wirken die Kontraste zwischen den Figuren und ihrer Umwelt streng. Die Leichtigkeit von Cherry Blossom Girl befindet sich im Kontrast zum Schwarz ihrer Lippen, ihrer langen Haare, den Kirschen auf ihrem Kleid, ihren Schuhen. Wie den Betrachter auch ständig die Augen der drei Freundinnen eindringlich angucken. Das erinnert Leser, die sich mit Malerei etwas auskennen, an die merkwürdigen Figuren auf den Bildern von Robert Zeppel-Sperl. Wenn auch das Vorwort durch den Hinweis auf die Beastie Boys einen Vergleich mit Daniel Clowes' Figuren und Erzählungen nahe legt, spricht der Comic von Jule K. eine andere Bildersprache. Clowes kann düster und albern sein. Seine Fortsetzungsgeschichten machen ein amerikanisches Dystopia auf, das oft sehr jungszentriert und nerdy ist. Es ist klar, dass Clowes' Ghost World einen Unterschied macht.

Die deutlich gezeichneten Augen von Cherry, Biene und Susi schauen direkt aus dem Panel zum Leser. Ihre Blicke wenden sich an den Leser, obwohl sie zu den anderen Figuren reden. Diese erzählerische Besonderheit, die eine eindringliche Wirkung hinterlässt, erfährt ihren Höhepunkt, als Cherry Blossom Girl plötzlich vor Publikum auf der Bühne steht, um das Ende der Geschichte anzukündigen. Sie blickt direkt zum Leser. Das erweckt das Vertrauen einer face-to-face Kommunikation.

Weil es aber immer überzeichnete, weit geöffnete Augen sind, erzählen sie in einer beunruhigenden Deutlichkeit, wovon „Cherry Blossom Girl“ handelt: Konfrontation, Freundschaft, Privatssphäre.   




Cherry Blossom Girl
Text und Zeichnungen: Jule K.
Edition 52
52 Seiten, schwarz-weiß, Softcover;. 6,- Euro
ISBN 3-935229-41-0


 








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