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von Thomas Kögel Donnerstag, 01. Januar 2009

 Der erste Band von Jason Lutes' Berlin-Saga erschien im September 2003 in Deutschland. Ganze fünf Jahre vergingen, bis nun endlich der Folgeband vorliegt. Weil Zeichner und Autor Lutes nicht allein von der Produktion seiner Berlin-Comics leben kann, ist das Veröffentlichungstempo sehr gemächlich. In den USA erscheint jedes Kapitel als einzelnes Heft, der Carlsen Verlag wartete dagegen ab, bis er einen Sammelband veröffentlichen konnte. Das Warten hat sich gelohnt.

Bleierne Stadt, der zweite Band von Berlin, macht dort weiter, wo der erste Teil (Steinerne Stadt) aufhörte: Der Comic ist eine Chronik aus dem Berlin am Ende der Weimarer Republik (dieser Band spielt zwischen Juni 1929 und September 1930), erzählt aus der Perspektive verschiedener Individuen. Neben fiktiven Charakteren werden auch reale Personen in die Geschichte eingeflochten, z.B. Literaten wie Kurt Tucholsky, Politiker wie Ernst Thälmann oder die Tänzerin Josephine Baker.

Gleich zu Beginn des Bandes führt Jason Lutes einen neuen Handlungsstrang und damit auch neues Personal ein: die amerikanische Jazzband Cocoa Kids kommt zu einem längeren Gastspiel nach Berlin. Durch diesen zusätzlichen Blickwinkel kann Lutes aus der Perspektive ausländischer Besucher erzählen, die Berlin als einen lukrativen und spannenden Auftrittsort erleben, aber als Schwarze auch mit mehr oder weniger subtilem Rassismus konfrontiert werden.

 Während im ersten Band noch ein klarer Schwerpunkt auf dem politischen Geschehen lag (die schleichende Aushöhlung der Demokratie, die Radikalisierung der Bevölkerung, der Kampf zwischen linken und rechten Gruppierungen), legt Lutes den Fokus diesmal auch etwas stärker auf gesellschaftliche Aspekte: Der liberale Zeitgeist, der hier seinen Höhepunkt erreichte und von dem kurze Zeit später leider nicht mehr viel übrig blieb, erblüht auf den Comicseiten: Man hört Jazzmusik, feiert aussschweifende Parties und experimentiert mit seiner Sexualität. Die Künstlerin Marthe Müller, seit dem ersten Kapitel eine der Hauptfiguren, beendet ihre Beziehung mit dem Journalisten Kurt Severing und verliebt sich in ihre Ex-Kommilitonin Anna.

Obwohl die Nationalsozialisten nur eine Nebenrolle spielen und Adolf Hitler kaum einmal namentlich genannt wird, steuert der Comic deutlich auf Hitlers Machtergreifung zu. In den persönlichen, fiktiven Schicksalen einfacher Leute wird begreiflich, wie sich die Geschichte so entwickeln konnte. Dabei ist es erstaunlich, wie authentisch sich die Erzählung anfühlt, obwohl sie von einem 41-jährigen Künstler aus New Jersey kommt: Lutes hat akribisch recherchiert und achtet bis ins Detail auf die Stimmigkeit seiner Bilder. Auch die deutsche Übersetzung von Heinrich Anders ist bemerkenswert gut gelungen. Viele Figuren sprechen mit Berliner Akzent, die Sprache wirkt niemals gekünstelt, so dass man fast vergisst, einen Comic zu lesen, der aus einer Fremdsprache übersetzt wurde.

 Bei seinen Zeichnungen folgt Lutes deutlich dem Vorbild der Ligne Claire. Das macht die Bilder manchmal etwas statisch, dafür erleichtert dieser Stil das Verfolgen der Geschichte: Auch wer nur selten Comics liest, wird der Handlung mühelos folgen können. Geschickt setzt Lutes verschiedene Mittel ein, die nur im Medium Comic möglich sind. Das Verwenden unterschiedlicher Schrifttypen, das Spiel mit grafischen Symbolen (an einer Stelle verwandeln sich Musiknoten in Vögel) und auch die Kunst des Weglassens: Zu den Höhepunkten des Bandes gehört eine Seite, die fast vollständig weiß ist und den Leser überrascht, wenn nicht sogar schockiert.

Leider wird es wieder mehrere Jahre dauern, bis man den abschließenden dritten Band lesen kann. Wenn es Jason Lutes jedoch gelingt, weiterhin diese Qualität zu liefern, dann wird er am Ende ein Meisterwerk geschaffen haben. Ein Amerikaner macht deutsche Geschichte lebendig, lebendiger als viele Geschichtsbücher es können. Bei all dem Lob muss eine kleine Erbsenzählerei erlaubt sein: Der Grafiker, der den Buchrücken gestaltet hat, hat nicht aufgepasst - der Schriftzug läuft von unten nach oben, genau andersrum als beim ersten Band. Nicht schlimm, aber für Regal-Ästheten ein Minuspunkt.

 

Berlin Bd. 2: Bleierne Stadt
Carlsen, Oktober 2008
Text und Zeichnungen: Jason Lutes
Softcover mit Klappenbroschur; schwarz-weiß; 214 Seiten; 14,- Euro
ISBN: 978-3-551-76676-2

Herausragend

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Bildquelle: carlsen.de




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Kommentare (2)Add Comment
0
...
geschrieben von Jochen, am 12. Januar 2009 um 20.27 Uhr
Zum Einen, schön das die Rezension jetzt auch im RSS-Feed auftauchen, allerdings haben sie anscheinend nicht ganz den richtigen Link, es kommt bei mir:

Du bist nicht berechtigt, diesen Bereich zu sehen.
Du musst dich anmelden.

Der Link hierzu ist:
http://www.comicgate.de/content/view/1172/

Macht die 51 das aus ?

Zum Anderen, habe ich gerade vorm Verschenken eine aktulle Ausgabe von Band 1 neben meinen Band 2 gehalten, bei beiden läuft die Schrift von unten nach oben...
0
...
geschrieben von Thomas, am 13. Januar 2009 um 19.55 Uhr
Danke Jochen, für diesen Hinweis. Die Links im Feed sind leider falsch. Ich versuche mal, die Ursache zu finden.

Und danke für die Info zum Buchrücken. Vermutlich hat Carlsen das in einer späteren Auflage vom 1. Band geändert und bleibt natürlich jetzt konsistent.

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