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(Vortrag/Diskussion)
von Marc-Oliver Frisch Mittwoch, 23. Februar 2011
Das Interessanteste an der Sammlung von Kurz-Comics, die David Boller letztes Jahr im Eigenverlag vorgelegt hat, ist der Zeichner selbst. Die sechs Strips der Anthologie, zuvor in Bollers Webcomic-Portal Zampano erschienen, stammen aus den Jahren 1990 bis 2009 und geben Zeugnis von der künstlerischen Entwicklung des Schweizers.
Boller kann auf eine Karriere zurückblicken, die untypisch für einen europäischen Comic-Macher ist. In der Schweiz gab er zunächst ein eigenes Comic-Magazin heraus, 1992 zog es ihn dann in die Vereinigten Staaten, wo er einen Abschluss an der renommierten Zeichnerschule Joe Kuberts in New Jersey machte. Bald zeichnete Boller bunte Superheldenhefte für Marvel und verwirklichte mit Kaos Moon auch eine Eigenschöpfung. Im Jahr 1996 konnte er damit immerhin eine Nominierung für den Russ Manning Award für sich verbuchen, mit dem aufstrebende Jungtalente ausgezeichnet werden.
Doch der große Durchbruch in der US-Branche blieb aus. Um die Jahrtausendwende folgten eine wenig erbauliche Zusammenarbeit mit der Image-Tochter Top Cow und ein kurzlebiger zweiter Anlauf mit Kaos Moon, dann wurde es still um Boller. Heute lebt der Eidgenosse wieder in seiner Heimat, wo er Webcomics veröffentlicht und sich dabei auf seine eigenen Ideen verlässt—Phantastisches, Autobiographisches, Kosmopolitisches.
Der kurze biographische Abriss hilft, die in Bakuba vertretenen Geschichten einzuordnen. „Bakuba“ selbst etwa, der frühste Strip des Bandes, entstand 1990. Wie viele Frühwerke fällt er eher experimentell aus. Zwar offenbart Boller hier bereits ein Gespür für ansprechendes Seitenlayout und sequentielles Erzählen, doch die Handlung – sofern überhaupt erkennbar – bleibt fast vollkommen auf der abstrakten Ebene und verzichtet weitgehend auf die Abbildung menschlicher Akteure. Es geht um einen Mythos, die handelnden Figuren haben etwas Fremdartiges und Bizarres.
Auch bei der chronologisch nächsten Erzählung, die aus dem Jahr 1991 stammt, sticht, ganz im Geiste der damals gerade aufkommenden, von experimentierfreudigen Zeichnern lancierten Image-Comics, die unorthodoxe Seitenaufteilung hervor: kunstvolle, geometrisch abwechslungsreiche Collagen statt rechteckiger Kästchen, aufwendige Kulissen anstelle weißer Hintergründe, ihre Begrenzung finden sie allein in den Seitenrändern. Viele Bilder konkurrieren hier um die Aufmerksamkeit des Auges. Die eigentlichen Zeichnungen erinnern dabei deutlich an die der Superheldenhefte, mit denen Boller aufwuchs, und die er wenige Jahre später auch selbst zeichnen sollte.
Jene Entwicklung erreicht ihren Höhepunkt in „Fata Morgana“, einer Geschichte von 1998. Ein strikt konventioneller Seitenaufbau, konventionelle Panels auf konventionell weißem Hintergrund: Alles deutet auf den Einfluss der Kubert-Schule und der Marvel-Redaktion hin. Eine Geschichte will erzählt werden, für Spielerei bleibt keine Zeit. Auch die Inhalte der Kästchen legen wenig Wert auf Abstraktion – Figuren und Hintergründe werden detailreicher und realistischer dargestellt, die Linien sind solider, prosaischer als zuvor.
Der chronologische und stilistische Sprung, der folgt, ist groß. Die drei Geschichten jüngeren Datums zeigen nun einen deutlich gereiften Erzähler, der den Leser trittsicher von einem Kästchen zum nächsten führt. In zweien der Strips verwendet Boller einen konventionellen Erzählstil, auf das Wesentliche reduziert, der eindrucksvoll mit Kontrasten umgeht und dabei um vieles attraktiver und eigenständiger wirkt als die früheren Arbeiten.
In „Pelu Tolo“, dem dritten und letzten der neueren Comics, schließt sich der Kreis zu „Bakuba“. Wieder geht es um die Darstellung eines Gründungsmythos, wieder werden ausschließlich abstrakte, fremdartige Kreaturen dargestellt. Doch die Darstellung selbst ist diesmal geordneter und stilsicherer. Basis für den Seitenaufbau ist ein striktes Sechs-Panel-Gitter, das nur selten aufgebrochen wird. Sowohl die Zeichnungen als auch die Panel-Begrenzungen werden durch weiße, kreideartige Linien auf komplett schwarzem Hintergrund realisiert, was an antike Höhlenmalerei erinnert und die Geschichte zur visuell eindrucksvollsten des Bandes macht.
So interessant die graphische Entwicklung Bollers ist, so offenkundig sind leider seine Defizite als Autor. Die Idee, einen Sammelband mit Comics zu veröffentlichen, die sich abseits der gut ausgetretenen Pfade US-amerikanischer und westeuropäischer Kultur bewegen, ist in der Theorie vielversprechend und lobenswert. In der Praxis mangelt es dabei aber leider bereits im Ansatz an überzeugenden Konzepten und Figuren, worüber auch die ausführlichen Textbeiträge – eine kurze Erklärung zu jeder Geschichte und ein Interview mit Boller am Ende des Bands – nicht hinwegtäuschen können.
Im Gegenteil: Gerade in dem Interview wird deutlich, wie sehr Boller an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Dort wird mehrfach betont, dass die Comics Bollers – der, wie er sagt, selbst nie in Afrika gewesen ist – eine besonders tiefe Recherche auszeichnet. Klingt gut. Die Geschichten selbst bleiben den Beweis für diese Authentizität aber leider schuldig.
Gleich zwei davon drehen sich um weiße Touristinnen, die in Afrika exotische Abenteuer erleben. Das liest sich leider genauso abgeschmackt, wie es klingt: Kamelritte, Sanddünen und kitschige Beduinenromantik sind angesagt, Sandokan und Tausendundeine Nacht lassen grüßen. Afrika bleibt reine Dekoration. Drei weitere Strips befassen sich mit Mythen, von denen einer nicht einmal adaptiert, sondern gleich ganz selbst ausgedacht ist. Auch das unglückliche, ausnahmsweise nicht esoterisch oder eskapistisch motivierte „AIDS Highway“, in welchem sich Boller an der verheerenden Ausbreitung des HI-Virus auf dem afrikanischen Kontinent abarbeitet, bleibt wenig mehr als eine vage Parabel.
Überhaupt handelt es sich bei jener Geschichte um ein fragwürdiges Stück. „Ich hätte sicher nie die Afrikaner als faule Taugenichtse dargestellt“, sagt Boller an einer Stelle im Interview und kritisiert imperialistisch geprägte Darstellungen aus vergangenen Zeiten. Aber die Charakterisierung der Figuren in „AIDS Highway“ fällt leider auch nicht viel schmeichelhafter aus. Ansätze, etwas über die rasende Verbreitung der Seuche zu sagen, gäbe es sicher genug – Bildungsarmut, die Haltung der katholischen Kirche, staatliche Korruption, archaische soziale Strukturen: Potenzial für eine gute Geschichte. Doch in „AIDS Highway“ ist das alles kein Thema. Stattdessen tischt Boller frei nach Gloria von Thurn und Taxis Figuren auf, die sich aus reiner Geilheit, Gier oder Leichtfertigkeit und wider besseres Wissen mit der Krankheit infizieren. Man ist nach der Lektüre geradezu dankbar, dass auf weitere Strips mit sozialkritischem Anspruch und aktuellem Zeitbezug verzichtet wurde.
Handwerklich kann Boller als Autor nur selten überzeugen. Das Tempo, vor allem seiner frühen Geschichten, ist holprig, es geht meist rein um die Vermittlung der abgedroschenen Plots, Charakterisierung funktioniert ausschließlich über die spröden und abgegriffenen Dialoge, Figuren bleiben schemenhaft, blass, bestenfalls stereotyp. Auch ein Korrekturleser hätte Bakuba nicht geschadet.
Im Interview spricht Boller selbst den „Karl-May-Effekt“ an. Die Problematik, über Kontinente und Länder zu erzählen, die man selbst nie erlebt hat, scheint er also schon erkannt zu haben. Dabei entgeht ihm allerdings, was den von Karl May erzielten Effekt wirklich ausmacht: Man nimmt May die Welten und Figuren tatsächlich ab, die er da zusammenfabuliert – zumindest soweit, wie es zur Lektüre seiner fantasievollen, unerhört mitreißenden Räuberpistolen erforderlich ist.
Boller mag zwar die visuellen Aspekte seiner Geschichten penibel recherchiert haben, doch daraus allein ergibt sich noch lange keine Authentizität, geschweige denn eine interessante Geschichte. Ein platter, uninspirierter Abenteuercomic wird durch eine besonders detailreich gezeichnete Kulisse leider auch nicht besser oder gehaltvoller. Nicht zuletzt dank des unsäglichen „AIDS Highway“ zieht Boller im Vergleich mit May in allen Belangen den Kürzeren. Seine Geschichten wirken nicht halb so authentisch und bewegend, seine Figuren sind dafür noch um vieles klischeehafter. Und dagewesen ist er ja auch nicht.
Als thematisch sortierte Werkschau eines Schweizer Zeichners mit ungewöhnlicher Vita mag Bakuba durchaus dokumentarischen Wert haben. Als Sammlung „afrikanischer Geschichten“ enttäuscht es leider auf ganzer Linie – und ist zudem ein Etikettenschwindel.
Wertung:
Graphisch interessante, inhaltlich jedoch enttäuschende und unterdurchschnittliche Sammlung reichlich platter Geschichten.
Bakuba
und andere afrikanische Geschichten
Zampano, April 2010
Text und Zeichnungen: David Boller
72 Seiten, broschiert, schwarzweiß
Preis: 10,00 Euro
ISBN: 978-3-9523648-0-2
Auch als eBook (PDF) für 3,95 Euro: hier kaufen
Abbildungen: © David Boller

geschrieben von Andi V., am 08. März 2011 um 08.11 Uhr
Natürlich darf und soll jeder seine eigene Meinung vertreten und sie auch hier publik machen. Aber dem Rezensenten aufgrund eines dir nicht genehm übersetzten Comictitels auf diese agressive Weise seine Glaubwürdigkeit abzusprechen, ist etwas arg überzogen. Demnächst argumentiert dann jemand, dass man eine Rezension nicht ernst nehmen könne, weil der Kritiker seinen Müll nicht ordentlich trennt oder so...














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Rezensionen




Mit Gregory hat Marc Hempel sicherlich eine der skurrilsten Comicfiguren geschaffen. An diesem Insassen einer Irrenanstalt, der sich am glücklichsten in seiner sicheren Zelle fühlt, scheiden sich die geschmacklichen Geister. Für Andreas Mergenthaler, Mit-Herausgeber des Verlags Cross Cult, war es eine Herzensangelegenheit, die Gesamtausgabe in zwei Bänden um Gregory, die oberschlaue Ratte Herman Vermin und die käsesüchtige Maus Wendell auf Deutsch herauszugeben.
Nach seinem Erfolg mit
In der dritten Ausgabe der Anthologie Jazam! geht es diesmal um das Thema "Zeit" - und es ist wirklich kein böser
Rezensentenscherz, dass es mit der Besprechung so lange gedauert hat, denn eines
möchte ich von vornherein klarstellen: Die Comic-Kurzgeschichtensammlung Jazam 3 ist ein Fest des Comics.
- 24.02.2009
Vor mehr als acht Jahren hatten die Macher des „ältesten und innovativsten Comic(umsonst)magazins im deutschsprachigen Raum“, die Männer von Moga Mobo, die grandiose und doch so simple Idee, nicht nur ein Meisterwerk der Weltliteratur, sondern gleich hundert davon als Comic zu adaptieren. Zu bewerkstelligen war dieses ambitionierte Vorhaben mit dem mehr als treffenden Titel 100 Meisterwerke der Weltliteratur nur, indem man sich Grenzen setzte. Die Regeln für die hundert Künstler waren klar: Jede Adaption durfte nur 8 Panels haben und Worte waren nicht erlaubt. Und die vorwiegend deutschen Comic-Künstler kamen in Scharen. Die Erfolgsgeschichte wurde schließlich 2002 durch den Max-und-Moritz-Preis gekrönt. Nun hat sich das Trio mit dem Ehapa Verlag zusammengesetzt und eine Neuauflage des Klassikers der Klassiker ausgearbeitet.
Nach einem trinkfreudigen Abend wird der jugendliche Loser
Jacop O' Damsel in einer Hintergasse von einem Dimensionsschlürfer entführt.
Wieder bei Sinnen, findet sich Jacop in der unaussprechlichen Stadt Xoth
wieder, ein Ort voller unbekannter Wesen. Verfolgt vom monströsen Bürgermeister
Cthulhu und verehrt von einer humanistischen Sekte bestehend aus kleinen
Fischlein versucht er sich zurechtzufinden und Antworten zu bekommen. Die
liefert ihm vornehmlich das freundliche Ziegenmädchen Yen-Niggurath, welches
Jacop O' Damsel auf seiner Erkundungstour begleitet.
In der Regel ist es inhaltlich wie sprachlich ein Genuss, Rezensionen des Comicgates zu lesen. Nun, die Rezension zu Bakuba ist leider die Ausnahme dieser Regel.
Gerade Aids Highway ist tragische Realität in Afrika. Es ist daher nur konsequent, dass es gerade in dieser Story eben keine Figur gibt, mit der man sich identifizieren kann oder die einem die Story näherbringt. Im Grunde gibt es dort nur Opfer und Täter. Bei genauem Lesen offenbart sich schon, dass David Boller dies herausgearbeitet hat.
Doch auch die völlig anders intendierten Stories wie Pelu Tolo oder Die Legende von Maima wissen zu gefallen, weil sie dem leser afrikanische Mythen und Legenden vermitteln, dass sie die fremde Kultur Afrikas mit der uns Bekannten verbindet.
Leider geht der Rezensent hierauf nicht ein und flüchtet sich in Platitüden und Gemeinplätzen.
Das ist aber nicht weiter verwunderlich. Was darf man schon von einem Rezensenten erwarten, der als Übersetzer aus dem Titel Violent Cases mit einer abstrusen Wortkette Veilchenblau schöpft?