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von Thomas Kögel Samstag, 09. Februar 2008

 Im März 2004 fasste Lewis Trondheim einen Entschluss: Der französische Zeichner, der mit 39 Jahren schon auf ein beeindruckend umfangreiches Werk zurückblicken konnte, wollte nach 14 Jahren des pausenlosen Zeichnens eine lange Pause einlegen, ohne ein Album zeichnen zu müssen. Eine Zeitlang wollte er von kleinen Werbeaufträgen, Lizenzeinnahmen und dem Schreiben von Szenarios leben und als Koordinator für die Zeichentrick-Version seines Comics Le Roi Catastrophe arbeiten. Doch daraus wurde nichts. Nach 80 Tagen musste Trondheim wieder zeichnen.

Das Ergebnis dieser nicht vollzogenen Schaffenspause ist Außer Dienst. Dieser Band erzählt keine in sich geschlossene Geschichte, sondern ist eher ein Essay in Comicform. Trondheim, der sich selbst wie schon in Approximate Continuum Comics als Figur mit Vogelkopf zeichnet, sinniert über seinen Beruf und über die These, die ihn am meisten umtreibt: Comiczeichner altern schlecht.

 Trondheim ist der Ansicht, dass die meisten Comicschaffenden relativ schnell den Zenit ihrer Kunst erreichen und dann entweder stagnieren oder schwächer werden. Er hat Angst davor, sich endlos zu wiederholen, künstlerisch zu erstarren und vom Autor zum Handwerker zu werden. Um diese These zu überprüfen, befragt er zahlreiche Kollegen und bittet sie um ihre Ansicht zu dem Thema. All das hält er zeichnerisch fest, in einer sehr lockeren Form. Es gibt keinen erzählerischen roten Faden, die Zeichnungen wirken etwas roher als gewohnt, es gibt keine festen Panels, und etliche Seiten scheinen direkt aus Trondheims Skizzenbuch entnommen: ungewohnt realistische Naturansichten oder Tierskizzen.

Die Sammlung vieler Gedanken zum Altern von Comicmachern ergibt insgesamt eine spannende Selbstbespiegelung, eine Innenansicht aus einer Branche, die sowohl Kunstszene als auch kommerzielles Business ist. Trondheim betreibt dabei ein exzessives Namedropping und haut dem Leser reihenweise Namen von Zeichnern, Szenaristen und Verlagen um die Ohren. Glücklicherweise enthält der Band ein Glossar mit kurzen Erläuterungen zu allen genannten Namen, trotzdem kann man sich schnell mal überfordert fühlen, wenn man kein ausgewiesener Kenner der frankobelgischen Comics und ihrer Geschichte ist.

 Doch Trondheim wäre nicht Trondheim, wenn er die Schwere des Themas nicht immer wieder durch seinen typischen Humor aufbrechen würde. So lässt er beispielsweise ein kleines Publikum mitspielen, das stellvertretend für die Leserschaft steht. Diese Zuhörer dürfen ab und zu Zwischenfragen stellen, bekommen als Antwort aber auch mal einen deftigen Fußtritt verpasst. Zwischendurch stellt sich Trondheim immer wieder voller Sarkasmus selbst in Frage und ermahnt sich, dass er doch wirklich keinen Grund zum Selbstmitleid habe.

Ein wirklich zufriedenstellendes Ende findet der Band nicht, die wesentlichen Fragen müssen offen bleiben. Die einzige Antwort, die für Trondheim letztlich bleibt, heißt: weitermachen, weiterzeichnen.

Nicht jeder Leser wird Gefallen an dem experimentellen Ansatz finden, den Trondheim hier verfolgt. Wer aber selbst auf irgendeine Weise kreativ tätig ist, sei es nun in der Comicbranche oder anderswo, findet in dem Band einige interessante und anregende Gedanken, die es Wert sind, selbst weitergedacht und -diskutiert zu werden.

Außer Dienst
Reprodukt
, Dezember 2007
Text und Zeichnungen: Lewis Trondheim
Broschiertes Softcover; schwarz-weiß; 80 Seiten; 12,- Euro
ISBN: 978-3-938511-37-4

Ein Essay als Comic, nachdenklich und humorvoll


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Bildquelle: reprodukt.com


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