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von Benjamin Vogt Montag, 05. Juli 2010


 Schlachtszenen haben David B. schon immer besonders fasziniert, das weiß man spätestens seit seinem autobiografischen Werk Die heilige Krankheit. Da wirkt es nicht verwunderlich, dass der französische Zeichner auch seine neue historische Reihe Auf dunklen Wegen mit einer zünftigen Straßenschlacht beginnt, bei der man kaum ausmachen kann, wem welche Faust gehört und wer eigentlich wen bekämpft. Die Szenerie ist nur als Einleitung in das aufgewühlte Italien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gedacht.

Das Album erzählt die Geschichte der Adria-Stadt Fiume, die im Jahr 1920 vom Dichter Gabriele D'Annunzio und seinen Gefolgsmännern annektiert wird. D'Annunzios Besatzung von Fiume ist eine Rebellion gegen das Abkommen der Pariser Verträge, nach denen Italien die Stadt abtreten müsste. Obwohl Fiume kurz darauf der Status eines unabhängigen Staates eingeraumt wird, führt D'Annunzio schließlich seinen Kampf fort, denn er will den Anschluss an das nach dem Krieg in Umstrukturierungen inbegriffene Italien.

David B. gelingt es auf hervorragende Weise, den europäischen Geist zwischen den beiden Weltkriegen in Wort und Bild einzufangen. Auf dunklen Wegen ist ein verstörendes, nicht einfach zu goutierendes Werk, bei dem es dem Leser durchaus auch mal schwerfällt, die historische Korrektheit von der stilistischen Überspitzung zu trennen. Als sicher scheint, dass der kahlköpfige, monokeltragende D'Annunzio eine befremdliche Persönlichkeit war, darüber hinaus scheint David B. in seinen Darstellungen durchaus zu Übertreibungen zu neigen: Als Wegbereiter für den späteren italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus steht D'Annunzio als Sinnbild für die Fokussierung auf eine Führerfigur. Dennoch ist er kein Politiker, sondern Dichter. Ein Größenwahnsinniger, der die Weltrevolution plant und, während er aus einem Schädel Wein trinkt, futuristische Panzerzüge entwirft.

 David B. gibt den Commandante also ein gehöriges Stück der Lächerlichkeit preis. Eingebettet in den Gesamtkontext dieses Albums relativiert sich das allerdings etwas, ist doch all das Geschehen in Fiume irgendwie anarchisch und irrational. Die Stadt befindet sich analog zu weiten Teilen Europas zu jener Zeit im Umbruch: Zwischen den Raubzügen etlicher Straßenbanden, dem bunten Nachtleben und dem Festzug einer Gruppe Aktivisten spinnt D'Annunzio seine Intrige gegen die Regierung und besetzt eine völlig zerstreute Stadt.

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Es ist die verwirrende Verarbeitung der Kriegsjahre, einer Zeit, in der auch der ehemalige Soldat Lauriano von seinem Kriegstrauma eingeholt wird. Jedoch schöpft er aus der Liebe zu Sängerin Mina neue Hoffnung. David B. arbeitet hier auf mehreren Ebenen und pendelt zwischen politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen und persönlichen Themen. Das führt zu einem leicht wankelmütigen, unsicheren Gesamtgefüge, was bei einem komplexen historischen Comic wie dem hier vorliegenden nicht zwangsläufig negativ verstanden werden muss.

Grandios sind vor allem die grafischen Ideen und Spielerein in diesem Band. Neben der Vorliebe des französischen Zeichners für Kampfgetümmel, die immer wieder aufblitzt, setzt David B. auch erneut verstärkt auf Symboliken, die sich neben ausschweifende Sprechblasen drängen und zwischen den zittrigen Outlines der Zeichnungen mäandern.

Dies und die vielen kleinen sprachlichen Rafinessen machen Auf dunklen Wegen zu einem herausragenden Werk. Man darf gespannt sein auf die weiteren Alben dieser Reihe, die dann im Übrigen an anderen Schauplätzen spielen werden.


Auf dunklen Wegen
– die Prologe und die Geister
Avant-Verlag, April 2010
Text und Zeichnungen: David B.
124 Seiten, farbig, 24,95 Euro

ISBN: 978-3-939080-41-4

Ein ungewöhnliches Thema brillant verarbeitet, David B. in Bestform


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Abbildungen: © Avant-Verlag


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