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(Vortrag/Diskussion)
von Christopher Bünte und Benjamin Vogt Freitag, 01. Mai 2009
Dialog-Rezension
Peter Pan hingegen ist sehr realistisch: Die Geschichte spielt in den Walliser Alpen um 1930. Ein toller Handlungsort, wie ich finde. Magst Du mal erzählen, worum's da geht, Ben?
Benjamin: Ja, das Buch ist eigentlich eine Hommage an die Schweizer Landschaft, die der Künstler Cosey ja auch aus seiner
eigener Biografie heraus erleben durfte. Coseys Hauptakteur ist dabei der
englische Schriftsteller Melvin Woodsworth, der offiziell im verschneiten
wallischen Dorf Ardolaz an seinem dritten Roman arbeitet. Doch in Wirklichkeit
ist er auf den Spuren seines Bruders Dragan, der während seiner Reisen als
Komponist in einem Hotel des Bergdorfes abgestiegen war. Wie du bereits gemeint
hast, handelt es sich um ein realistisches Szenario, das für Cross Cults
bisherige Albenproduktion eher untypisch ist. Denn Comics wie die
Moebius-Bände, Red Star oder Redhand lassen sich doch eher dem fantastischeren
Gefilde zuordnen. Im Endeffekt zeigt das aber, dass der Verlag einfach nicht
auf ein durchgängiges Format oder gar ein einheitliches Genre festzulegen ist.
Aber zurück zu Auf der Suche nach Peter Pan, das ja mit der namensgebenden
Romanfigur erst einmal so gut wie gar
nichts zu tun hat. Eher kann man davon sprechen, dass Peter Pan hier als
Inspirationsquelle für Cosey zur Verfügung stand, oder wie beurteilst du das?
Christopher: Tja, Auf der Suche nach Peter
Pan ... Der Titel legt irgendwie nahe, dass es um Peter Pan geht. In
Wirklichkeit kommt Peter Pan kaum vor, bloß an einer einzigen Stelle, in der
Cosey versucht, die Melodie eines Liedes durch Bilder auszudrücken. Bei Peter
Pan denkt ohnehin jeder an Disney, also an kommerziellen Kinderstoff. Das ist
hier aber irreführend. Cosey bezieht sich wohl eher auf die Originale des englischen
Schriftstellers Barrie, den er auch zu Beginn jedes Kapitels zitiert.
Außerdem scheint für Coseys Arbeit der Naturgott Pan aus der griechischen
Mythologie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt zu haben. Natur ist ein
großes Thema in Auf der Suche nach Peter Pan. Ganz auflösen lässt sich wohl
nicht, was Pan und Peter Pan mit Coseys
Band zu tun haben.
Beachten wir doch Peter Pan mal einen Augenblick lang nicht.
Dann bleibt vom Titel nur noch "Auf der Suche", was meiner Ansicht nach die
Motivation der Hauptfigur sehr gut umreißt. Melvin Woodsworth sucht ja eine
ganze Menge: Seinen großen Bruder, ein Thema für seinen neuen Roman, eine
wunderschöne Walliserin, die er zufällig beim Baden beobachtet hat ...
Vielleicht plagen ihn auch noch größere Sehnsüchte nach Freiheit oder einem
wahren Zuhause, wer weiß? Die Hauptfigur ist jedenfalls auf der Suche, was wohl
ein wiederkehrendes Thema in Coseys Arbeiten ist. Was meinst du: Findet
Woodsworth, was er sucht?
Benjamin: Gerade im Epilog, der sich von der Atmosphäre
her gehörig vom Rest des Werkes absetzt, lässt sich ein überzeichnetes
Happy-End erkennen. Insofern denke ich schon, dass Woodsworth schlussendlich
gefunden hat, wonach er suchte. Im Grunde kann man in diesem Zuge aber auch
Coseys sehr optimistischen Ansatz kritisieren, der die eigentlich nachdenkliche
Sinn- und Selbstfindungsreise der Figur zum Ende hin so dreht, dass Woodsworth
sogar mehr findet, als zu erwarten gewesen wäre. Für meine Begriffe kommt das
allgemeine Auflösen in Wohlgefallen zu überhastet und zu positiv rüber, wenn
man den Protagonisten nicht vielleicht sogar besser rastlos und mit offenen
Fragen hätte weiterziehen lassen sollen. Sicherlich hätte das eher zur
melancholischen Stimmung gepasst, oder?
Christopher: Ja, das Ende ist ein ganz
schöner Bruch mit dem Rest. Zuerst Träumen und Herumtreiben à la Corto Maltese,
dann glückliche Einkehr in eine feste Liebesbeziehung. Aber gut – wenn Cosey
das wahrhaftig so empfindet ... Zum Schluss gibt es einen Gletscherabgang, und eine
Figur stirbt. Das lässt sich gut als das verbildlichte Ende von Woodsworths
Junggesellentum deuten. Er hört auf, ein träumender und naturverbundener
Vagabund zu sein, hört auf, nach Peter Pan zu suchen, weil er etwas Wichtiges
über das Leben gelernt hat. In diesem Sinne denke ich nicht, dass er mehr
findet, als er gesucht hat. Eher würde ich sagen, dass er eine Suche aufgibt.
In der Folge findet er etwas anderes, als er erwartet hat, nämlich Liebe,
Beziehung, Familie. Dem Leser ist der träumende Woodsworth vom Anfang der
Handlung natürlich ungleich sympathischer ... Die innere Entwicklung, die dem
Leser da vorgeführt wird, ist schon klasse, die grafische Umsetzung und
Vermittlung großartig.
Apropos Leser: Was glaubst Du, für welche Leser dieser Band
zu empfehlen ist? Für jeden? Oder kann man das einschränken?
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Benjamin: Ich finde, dass allein der komplett
weiße Einband und das unkonventionelle Cover sehr passend ankündigen, was den
Leser erwarten wird. Insofern kann man sich darauf einstellen, dass man eine
ruhige Geschichte präsentiert bekommt, in der Handlungsort und Szenario, und eben
nicht die Figuren, eine zentrale Rolle einnehmen. Das ist bei Albenproduktionen
nicht unbedingt Standard, umso höher ist das Ergebnis zu bewerten: Cosey
beweist mit seinem naturverbundenen, malerischen Comicroman, dass auch ein Trip
in die verschneiten Schweizer Alpen bezaubernd umgesetzt werden kann. Wer
bereit ist, sich von dieser Atmosphäre einnehmen zu lassen, der wird mit diesem
Band nicht viel falsch machen können.
Eine zurückhaltendere Kaufempfehlung würde
ich Lesern klassischer frankobelgischer Stoffe erteilen: Auf der Suche nach
Peter Pan geht einen nicht alltäglichen Weg, der eine ausgefeiltere
Charakterisierung der Hauptperson sowie sämtlicher weiterer Personen zur
Nebensache degradiert und deren stringente Erzählung sich eher an der
gewaltigen Dominanz der Landschaft und der ständigen Präsenz des Gletschers
orientiert als umgekehrt. Nicht zuletzt an der Evakuierung des Dorfes aufgrund
der Gletscherbedrohung sieht man, welche bestimmende Rolle dieser für den
Verlauf der Handlung besitzt. Für mich ist Coseys Werk damit ein wahrscheinlich
einzigartiges Experiment, an dem jedoch Leser mit anderen Erwartungen
vielleicht nicht so viel Freude haben werden wie wir beide. Denn fairerweise
muss man im Umkehrschluss auch sagen, dass der Inhalt an vielen Stellen bewusst
oberflächlich bleibt beziehungsweise verglichen mit der Bergidylle eine untergeordnete Rolle spielt. Und
der erwähnte überhastete Epilog dreht diese Positionen dann zu offensichtlich
und zu schnell um, er bricht mit diesem Stil. Ich denke, man kann sich auf
beide Varianten einlassen, aber dann müssen sie auch konsequent durchgezogen
werden.
Christopher: Naja, Ben, das klingt jetzt ein
bisschen so wie: Cosey sind Figuren nicht so wichtig, er will lieber
Landschaften zeichnen. Vielleicht ist das so, keine Ahnung. Ich habe es anders
verstanden. Es stimmt: Ein Großteil der Seiten wird von der Alpenlandschaft
eingenommen, viel Schnee, also viel Weiß, ist zu sehen. Ich habe es so
begriffen, dass die dargestellte Landschaft das Innenleben der Hauptfigur
spiegelt. Die Emotionen von Woodsworth kann der Leser nachempfinden, wenn er
Coseys Alpenbilder auf sich wirken lässt. Ist vielleicht ein wenig weit
gegriffen, aber Goethes Werther funktioniert auch so. Natur als Spiegel von
Gefühlen. Nicht ohne Grund verändert sich ja die Farbgebung in Auf der Suche
nach Peter Pan drastisch, wenn zum Beispiel auf dem Klavier gespielt wird oder
wenn Woodsworth und seine Freundin Evoleta nach Italien fahren.
Benjamin: Wenn überhaupt würde ich das
gesamte Szenario noch als Spiegel für Woodsworth Emotionen begreifen können,
denn die Nebenfiguren, also die Dorfbewohner, Evoleta, der Münzfälscher
Baptistin oder die Polizisten, sind zwar vorhanden und spielen auch eine Rolle,
aber eben für meine Begriffe keine essentielle. Nein, Cosey ist kein reiner
Landschaftsmaler, natürlich nicht, immerhin gibt es eine Handlung, aber ich
hatte beim Lesen immer das Gefühl, mehr auf die Stille zu achten als auf die
Dialoge, mehr auf die Umgebung als auf die Geschehnisse. Oder kurz gesagt, die
Story und die Personen sollten für den Macher das Vehikel sein, um seinen
Eindruck bezüglich der Walliser Bergregion vermitteln zu können. Und das eben
nicht in starren Bildern, sondern auf komplexere Weise über die Comicerzählung.
Zumindest könnte ich mir das gut vorstellen.
Christopher: Ist wahrscheinlich wie mit dem
Huhn und dem Ei. Ob jetzt die Landschaft die Hauptfigur bestimmt – oder
umgekehrt – wer weiß? Müssen wir ja auch nicht auflösen. Auf jeden Fall ist die
Verbindung, die da entsteht, klasse. Die Stille ist in der Tat bemerkenswert,
das habe ich auch so empfunden. Wenige Wochen bevor ich Auf der Suche nach
Peter Pan gelesen habe, war ich zu Besuch bei einem Freund in der Schweiz.
(Allerdings nicht im Wallis, sondern in St. Gallen.) Da haben wir eine
Wanderung durch den Schnee gemacht. Und der Comic trifft’s tatsächlich! Diese
unglaubliche Ruhe, die einem fast ein wenig auf die Ohren drückt! Das ist
wirklich genau so, wie Cosey es darstellt! Ich war echt beeindruckt ...
Benjamin: Mein Fazit: Auf der Suche nach Peter Pan ist ein bemerkenswertes Comicalbum (wobei man natürlich auch den mittlerweile oft benutzen Terminus "Graphic Novel" verwenden könnte), das eine neu bearbeitete Edition wahrlich verdient hat, zumal die lange zurückliegenden Carlsen-Alben (erschienen von 1987-1992) der deutschen Erstveröffentlichung nur noch schwer erhältlich sein dürften. Einleitende Worte zur Geschichte des Wallis sowie Bonusseiten mit Hintergründen zu Coseys Arbeit und ein Interview machen den Band zu einer runden Sache. Da fühlt man sich als Leser einfach gut aufgehoben.
Cross Cult, März 2009
Text/Zeichnungen: Cosey
Übersetzung: Kai Wilksen
154 Seiten, Hardcover, farbig; 26 Euro
ISBN 978-3941248335
Leseprobe auf crosscult.de
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Bildquelle: cross-cult.de Auf der Suche nach Peter Pan © Cosey, dt. Ausgabe Cross Cult















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- 08.01.2009