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03.06.2012
(Vortrag/Diskussion)
von Benjamin Vogt Samstag, 31. Dezember 2011
Ein Unwetter zieht auf. Unrasiert und deprimiert liegt Asterios Polyp in seinem Bett in einem schmuddeligen Apartment. Plötzlich kracht es fürchterlich, ein Blitz hat eingeschlagen und brennt das Zuhaue des 50-jährigen, desillusionierten Architekten nieder. Ohne Obdach und vom Regen durchnässt kauft sich Asterios vom letzten Bargeld ein Busticket in die Kleinstadt Apogee.
Es ist ein Neustart, eine tour de force hin zu einem besseren Ich. Statt Vorlesungen als Architekturprofessor zu halten, heuert er in einer Autowerkstatt an und wohnt bei seinem neuen Chef und dessen Frau.
Dazu muss man wissen, dass Asterios Polyp in seinem früheren Beruf zwar hoch angesehen, aber letztlich recht erfolglos war. Nicht einer seiner Entwürfe wurde jemals realisiert. Vor der Midlife-Crisis, bevor ihn seine Frau verlassen hat und seine Wohnung abgebrannt ist, konnte man ihn mit Fug und Recht als egozentrischen, arroganten Mistkerl bezeichnen, der niemandem außer sich selbst im Rampenlicht duldete. Doch das war, wie erwähnt, vor seinem Ausbruch aus der Großstadt und nach dem Niedergang seines alten Lebens.
Den Weg dorthin dokumentiert Autor David Mazzucchelli über Rückblenden. Er setzt stilistische Fragmente aus dem Leben des Mannes mit dem merkwürdigen Namen und dem markanten Profil zu einem symbolschwangeren Arrangement zusammen. Mazzucchellis Aufarbeitung der Vergangenheit des Titelhelden ist ein intellektuelles Gemetzel aus Illusion, Kunst, Farbenspiel, Mythologie und architektonischen Versatzstücken. Ein mitunter wirres und nicht ganz so leicht zu dekodierendes Unterfangen für den Leser.
Dazu kommt, dass der Künstler mit seinem Buch eine optische Explosion auf die Comicwelt loslässt. Ein Umstand, der beim ersten Durchblättern nicht auffällt, aber garantiert bei der genaueren Lektüre. Akribisch exploriert er grafische Stile, schiebt wissenschaftliche Exkurse ein, lässt Asterios' verstorbenen Zwillingbruder Ignazio als geisterhafte Hülle durch die Bilder wandern.
Mazzucchellis Detailbesessenheit geht sogar so weit, dass er für jede Figur eine eigene Schriftart und dazu passend gleich eine eigene Sprechblasenform entwickelt hat. Und auch die Verwendung der weitflächigen Farben (zumeist gelb, blau oder rot) spielt hier eine Rolle, da deren Verbindung zu den Figuren und den Schauplätzen von symbolischer Bedeutung ist.
Kein Wunder also, dass Mazzucchelli nach zehn Jahren Arbeit an dem Werk und aufgrund seiner perfektionistischen Ader auch Bedingungen an die Verleger ausländischer Lizenzausgaben stellte. Unter anderem musste das Buch äußerlich exakt der amerikanischen Vorlage entsprechen, es musste auf japanischem Recyclingpapier und aufwendig mit unüblichen Sonderfarben gedruckt werden und auch die übersetzten Texte wurden vom Autor persönlich auf ihren individuell korrekten Stil hin kontrolliert. Mehr zu diesem Thema erläutert der deutsche Lizenznehmer Eichborn in seinem Blog.
Mehrere Eisner- und Harvey-Awards sowie ein Spezialpreis der Jury in Angoulême sprechen für sich. Und auch Kritiker und Journalisten sämtlicher Feuilletons überschlagen sich geradezu und würdigen Asterios Polyp als absolutes Meisterwerk der Comichistorie.
Nach dem Lesen des umfangreichen Bandes kann ich diese Meinungen einerseits nachvollziehen, möchte die Euphorie aber ein wenig einschränken: Keine Frage, Asterios Polyp ist ein sehr guter Comic mit vielen innovativen Ideen. Blendet man diese jedoch für kurze Zeit aus, verbirgt sich dahinter eine relativ profane Handlung: ein Mann, der sein Leben bereut und seiner großen Liebe nachtrauert. Und diese in der Gegenwart ablaufende Ebene der Erzählung lässt mich am Ende, nüchtern betrachtet, unbefriedigt zurück.
Dennoch bleibt zu hoffen, dass man auf das nächste abgeschlossene Projekt von David Mazzucchelli nicht erneut so viele Jahre warten muss.
Wertung: ![]()
Einzigartiger Comic, der die grafischen Grenzen auszuloten versucht
Asterios Polyp
Eichborn Verlag, August 2011
Text und Zeichnungen: David Mazzucchelli
344 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 9783821861302
Abbildungen: © David Mazzuchelli, der dt. Ausgabe: Eichborn















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Rezensionen




Zuerst sieht alles ganz putzig aus: Eine junge Frau empfängt einen
jungen Herrn, einen Prinzen, und bei einer Tasse Kakao findet eine
zarte Annäherung statt. Die Figuren sehen niedlich aus, als wären sie
Märchenbüchern für Kinder entsprungen, sie sind in fröhlichen Farben
koloriert. Doch bald löst sich der Raum um sie herum auf, sie müssen
fliehen und ein großes Splashpanel zeigt dem Leser, in welcher
Behausung die netten Wesen gelebt haben: Sie sind winzig kleine
Gestalten, und sie kommen aus dem Körper eines kleinen toten Mädchens
gekrochen. Wie Gulliver liegt dieses Mädchen am Boden, im Vergleich zu
den kleinen Lebewesen wirkt es wie ein Riese.
- 17.12.2009
Woche für Woche fährt ein kauziger älterer Seemann mit einem kleinen Boot raus aufs Meer, stellt zwei Kisten vor dem Felsen eines anonymen Leuchtturms ab und fährt wieder zurück. Der Grund dafür liegt in einem Versprechen begründet, das der Seemann vor langer Zeit den ehemaligen Wärtern des Leuchtturms gab: Nach deren Tod solle er für die Versorgung ihres Sohnes sorgen, der seitdem allein dort lebt.
Auf einer
Podiumsdiskussion vor einigen Wochen im Münchener Literaturhaus wurde zum x-ten
Mal über das Für und Wider des Prädikats „Graphic Novel“ und seiner Stellung
auf dem Buchmarkt gesprochen. Ein nicht uninteressanter Vorschlag kam dabei von
Armin Abmeier, dem Herausgeber von Die
Tollen Hefte:
Man könnte doch anspruchsvolle Comics wie Romane behandeln und sie in die
jeweilige Genre-Kategorie in der Buchhandlung einordnen, um so Vorurteile gegenüber dem Comic zu überbrücken. Ein Comic mit dem Aufkleber „Graphic Novel“, der diesen
Weg hier exemplarisch gehen soll, ist Sascha Hommers neuer Comic Vier Augen aus dem Hause Reprodukt.
- 05.01.2010
Da Pinocchio bereits 2009 in Angoulême als „Bestes Album“ gewählt und 2010 in Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis als „Bester internationaler Comic“ ausgezeichnet wurde, bedarf der Comic darüber hinaus nicht wirklich mehr des Lobs. Was man jedoch tun kann: Man kann versuchen, die Stärken des Werks etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei näherer Betrachtung fällt auf, das Winshluss sich mit Pinocchio sowohl erzählerisch als auch grafisch allen definitiven Aussagen entzieht und so neue Maßstäbe für den modernen Comic setzt.
- 22.06.2010
Passend zum Wahljahr 2009 hat der Eichborn Verlag mit Miss Tschörmänie
den ersten Comic über die Kanzlerin vorgelegt. Auf 64 Seiten bemühen sich der Karikaturist Heiko Sakurai und die Politik-Redakteurin Miriam
Hollstein, nicht nur die politische Karriere von Angela Merkel ins
rechte Licht zu rücken, sondern verweisen, stets mit einem Augenzwinkern, auf den
gesamten Werdegang der ersten deutschen Kanzlerin.
- 14.07.2009