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von Benjamin Vogt Mittwoch, 01. Dezember 2010
Smalltalk, Sex und Fechten!? Der erste Comicband des flämischen Künstlers Brecht Evens ist ein verschrobenes, unruhiges Abbild des nächtlichen Vergnügens; die Konstruktion des Zwischenmenschlichen in grafisch extravaganter Weise.
Die Geschichte beginnt mit einer Party. Nichts Ungewöhnliches. Gut ein Dutzend Freunde oder Bekannte treffen sich, sie heißen Gert, Erik oder Sascha. Aber das spielt keine wirkliche Rolle. Brecht Evens' Exploration setzt viel früher ein: Er verfolgt die Gäste (und den Gastgeber) bereits auf dem Weg zur Party. Und genau hier wird das Hauptthema des Künstlers, die menschliche Interaktion, das erste mal vor allem optisch unterstrichen.
In der U-Bahn drängen sich die Menschen aneinander, im Straßenverkehr reihen sich die Autofahrer Stoßstange an Stoßstange und auch noch kurz vor der Party lässt Evens seine Figuren im Treppenhaus hintereinander und über drei Stockwerke parallel marschieren, die er alle zusammen auf einer Seite porträtiert. Man bekommt schnell den Eindruck von einem wimmelbildartigen Durcheinander, aus dem man einzelne Personen nur noch schlecht herauszufiltern vermag.
Zudem scheinen die meist konturlosen Personen mit anderen oder mit ihrer Umgebung ineinander zu fließen. Dialoge untermalen den stromartigen Verlauf des Abends. Ohne Sprechblasen stehen sie einfach im Raum, über oder zwischen den Köpfen der Kommunizierenden. Ganz wie im echten Leben sind die Dialoge dominiert von Höflichkeitsfloskeln, Verlegenheit und nichtigem Smalltalk.
Brecht Evens exerziert die Oberflächlichkeit im menschlichen Miteinander geradezu, genau so wie man sie wohl nur vor dem Hintergrund des Nachtlebens veranschaulichen kann. Das Problem ist, dass Am falschen Ort sich zuweilen zu stark an die Realität klammert, als dass in diesem Fall tatsächlich eine originelle oder besonders erwähnenswerte Handlung entstehen könnte.
Einzig der von den Partygästen vermisste Robbie, ein Frauenheld und guter Kumpel, steht zentral im näheren Blickpunkt des Comics. Er, von dem praktisch jeder auf der Party in seiner Abwesenheit nur im höchsten Maße zu schwärmen vermag, wird im zweiten Teil des Buches selbst zum Akteur, nämlich dann, als sich die Story in die Disco "Harem" verlagert. Aber wer ist dieser in komplett blauer Farbe erscheinende Robbie? Viel erfährt man letztlich zwar nicht, außer dass man ihm beim Geschlechtsverkehr und später beim nächtlichen Fechtkampf mit einem Freund zusehen darf, dennoch ist seine Rolle in diesem Comicwerk eine zentrale, die Hervorhebung seiner Person auffällig. Und überhaupt ist Robbie die einzige Figur, die ein Stück weit tiefer charakterisiert wird als all die anderen schemenhaften, konturlosen Wesen. Letztlich bleibt nur die Frage, wer denn nun (folgt man dem Titel des Comics) an den falschen Ort getrieben wird. Robbie? Seine Freunde? Oder alle Nachtschwärmer unter den Lesern? Die Lektüre des Bandes ist jedenfalls Geschmackssache. Die Erzählung liest sich flüssig und bietet interessante Einsichten, dazwischen kann aber durchaus mal Langeweile auftreten.
Wesentlich beeindruckender bleiben die grafischen Aspekte in Erinnerung: Die poppigen Auquarellfarben stehen zumeist vor weißem Grund, analog zum starken Kontrast der Menschen auf dem Cover. Bemerkenswert ist dieser Umstand vor allem, wenn man bedenkt, dass Brecht Evens damit der naheliegenderen farblichen Ausrichtung genau entgegenwirkt. Denn schließlich spielt der Comic fast auschließlich nachts und eine düstere Farbgebung würde sich geradezu anbieten.
Noch ein paar kurze Worte zur Verarbeitung von Reprodukt: Der Comic weist neben dem ohnehin schon untypischen Flex-Einband (etwas festere Konsistenz als das gängige Softcover) noch aufwendige Spotlack-Effekte auf dem Cover auf. Hält man das Äußere gegen das Licht, erscheinen jede Menge kurze Textzeilen auf der Vorder- und Rückseite des Bandes. Eine sehr schöne Idee und eine echte Veredelung.
Visuell sehr interessantes Werk, aber inhaltlich eher langatmig und unspektakulär
Wertung: ![]()
Am falschen Ort
Reprodukt, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Brecht Evens
176 Seiten, farbig, Flexcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-941099-57-9
Abbildungen © Brecht Evens, der dt. Ausgabe: Reprodukt















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Eigentlich sollte es nur eine Fingerübung sein, kleine Comic-Episoden
für das private Skizzenbuch. Der kanadische Comic-Künstler Seth (Eigentlich ist das Leben schön)
kreierte hierfür die Figur des Wimbledon Green, eines sehr beleibten,
verschrobenen und exzentrischen Comicsammlers. Und bald fand er an
jenen Versuchen so viel Gefallen, dass er beschloss, mehr daraus zu
machen und sie gesammelt als Buch zu veröffentlichen.
- 28.09.2009
Der kleine Joachim führt mit seinen Eltern ein Leben voller Idylle.
Die kleine Familie lebt in einem kleinen Häuschen, umgeben von Natur. Die
Geschichte von Drei Schatten spielt in einer nicht näher definierten Welt,
die an Märchen und Volkssagen erinnert. Ihr Ausgangspunkt ist das
Eindringen von drei dunklen Gestalten in das Familienidyll. Joachim
entdeckt eines Tages drei Reiter schemenhaft am Horizont, die langsam
näher kommen und ihm Angst machen. Am ersten Tag verschwinden sie bald
wieder, kehren aber regelmäßig zurück. Schon bald wird klar: Die drei sind
gekommen, um Joachim zu holen.
- 13.09.2008
Auf einer
Podiumsdiskussion vor einigen Wochen im Münchener Literaturhaus wurde zum x-ten
Mal über das Für und Wider des Prädikats „Graphic Novel“ und seiner Stellung
auf dem Buchmarkt gesprochen. Ein nicht uninteressanter Vorschlag kam dabei von
Armin Abmeier, dem Herausgeber von Die
Tollen Hefte:
Man könnte doch anspruchsvolle Comics wie Romane behandeln und sie in die
jeweilige Genre-Kategorie in der Buchhandlung einordnen, um so Vorurteile gegenüber dem Comic zu überbrücken. Ein Comic mit dem Aufkleber „Graphic Novel“, der diesen
Weg hier exemplarisch gehen soll, ist Sascha Hommers neuer Comic Vier Augen aus dem Hause Reprodukt.
- 05.01.2010
26 Jahre ist der Franzose Bastien Vivès erst alt, hat aber bereits
etliche eigene Comics veröffentlicht. Einer davon, Le Goût du chlore,
bekam 2009 beim Festival von Angoulême den Prix Révélation als bestes
Werk eines Nachwuchskünstlers. Bei Reprodukt erscheint mit diesem Buch
nun erstmals ein Comic von Vivès auf Deutsch. Sehr viel
Übersetzungsarbeit musste der Verlag hier nicht investieren, denn mit
Dialogen hält sich der Künstler sehr zurück.
- 09.09.2010
Der neue Comic des norwegischen Künstlers Jason (Pssssst!,Hey, warte mal…, Hemingway) verstört gleich in zweifacher Hinsicht (eigentlich in dreifacher, aber an die anthropomorphen Figuren hat man sich ja bereits gewöhnt): Zum einen existiert in seiner Geschichte das Zeitreisen, zum anderen zeichnet er eine Gesellschaft, in der Auftragskiller ein ganz normaler Beruf ist. Eben dies ist die Arbeit des namenlosen Protagonisten; ob Ehefrau, Verwandte oder Chef, fast jeder will irgendjemanden loswerden, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Das Geschäft floriert, aber der Killer ist desillusioniert, von seiner Tätigkeit und seiner Gattin gleichermaßen.