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Home Artikel Artikel und Essays "The Boys" von Garth Ennis – und warum es so schwer ist, die Serie zu mögen

von Christian Muschweck Montag, 17. September 2012

Garth Ennis war noch nie zimperlich mit Gewaltdarstellungen und Geschmacklosigkeiten, doch sind es vor allem die Comics der letzten Jahre, die seine Fans spalten, allen voran The Boys, seine epische Abrechnung mit dem Superheldengenre. Ganz nach der Frage „Who watches the Watchmen?“ lautet die Antwort von Garth Ennis „The Boys“. Sie sind die Einzigen, die in der Lage sind, größenwahnsinnige Superhelden bei Bedarf aus dem Verkehr zu ziehen, und sie sind die Einzigen, die dem Konzern „Vought American“ die Stirn bieten - ein skrupelloser Konzern, der Superhelden als militärische Verteidigungswaffe einführen möchte.

The Boys bieten Superhelden die Stirn  
Manche Fans hielten die frühen Ausgaben der Boys für derben Spaß und bekamen später das Gefühl, die Serie nähme sich zu ernst. Andere waren vom „derben Vergnügen“ der ersten Hefte bereits so abgestoßen, dass sie kein Interesse mehr hatten, sich überhaupt weiter mit der Serie auseinanderzusetzen.

Preacher war mit seiner klaren Linie eher cartoonhaft, was für eine grundlegend andere Atmosphäre sorgte. Aus Preacher 29, Seite 19. Dabei ist Garth Ennis nur sich selbst treu geblieben und als Erzähler eher noch gereift. Der Unterschied zu früheren Reihen, vor allem Preacher, liegt eher in den Zeichnungen und der Kolorierung. Steve Dillon hat Preacher mit klarer Linie beinahe schon cartoonhaft umgesetzt und damit einen sinnvollen Kontrast zur ebenso grimmigen wie durchgeknallten Handlung hergestellt. Auch die Farben sind bei Preacher noch flächig und aufgeräumt; die Serie wirkt dadurch sehr comichaft im klassischen Sinne.

Darick Robertson setzt The Boys deutlich anders um. Auch er kann Charakterköpfe zeichnen, die sich am Rande zur Karikatur befinden, doch sind seine Zeichnungen im Gegensatz zu denen von Dillon düster und grimmig, und auch die Kolorierung ist – dem Trend entsprechend – dunkel und nähert sich mit ihren Farbverläufen dem Fotorealismus an. Dadurch nimmt man gerade die grotesken Darstellungen und Ekelszenen völlig anders wahr als damals in den 1990ern bei Preacher.

Annie Januarys Initiation bei den „Seven“. Aus The Boys 3, S. 4. Betrachten wir eine typische Szene aus The Boys etwas genauer. In Heft Nr. 3 wird Annie January a.k.a. Starlight, eine naiv-blauäugige Superheldin, vom übermächtigen Homelander in der Station des Superheldenteams „The Seven“ - einem Pendant zur Justice League - auf ihre Tauglichkeit für das Team „The Seven“ überprüft.

Annie: This … you know, it’s the the very pinnacle of everything I’ve ever hoped for. To serve with The Seven, I mean there’s just no higher a superperson can go.
(Das … Weißt du, das ist mehr, als ich mir je erträumt habe. Mitglied bei The Seven zu sein ist einfach das Beste, was einem Supermenschen passieren kann.)

Homelander: There’s just one final test for you to pass, and I know you’re going to excel at that, too.
(Da wäre nur noch eine allerletzte Prüfung für dich. Ich bin mir sicher, dass du auch die hervorragend abschließen wirst.)

(Der Homelander lässt seine Hosen runter, Annie ist entsetzt.)

Homelander: Suck it.
(Los. Blasen.)

Und während die bisherigen Bilder im Hauptquartier noch recht niedlich und freundlich ausgesehen haben, sieht man jetzt im ganzseitigen Splashpanel den hyperrealistisch gezeichneten Hintern vom Homelander samt sich kräuselnder Härchen. Die Szene geht aber noch weiter, und auch die Teammitglieder Black Noir und A-Train gesellen sich mit heruntergelassenen Hosen in erwartungsvoller Haltung dazu. Später, nach getaner Verrichtung, sieht man Annie January kotzen.

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Vergleicht man diese Szenen mit den ebenfalls detaillierten Darstellungen in der Preacher-Story „Hunters“, so sieht man zwischen Dillons und Robertsons Darstellung eine deutliche Akzentverschiebung, weg vom Karikierenden hin zum Expliziten, und so wird aus einer Karikatur von Pornographie schon eher tatsächliche Pornographie, was nahezu einer Umkehrung der Bedeutung gleichkommt. Daher stößt vieles, was bei Preacher noch akzeptabel war, bei The Boys plötzlich ab.

Photorealistische Kolorierung, aber Darick Robertson hat die Größenverhältnisse seiner Figuren nicht immer in Griff. Aus The Boys Nr. 1, S. 7. Sehr extrem dargestellt ist auch die eindeutig sado-masochistische Beziehung zwischen dem Anführer der Boys, Billy the Butcher, und seiner CIA-Kontaktperson, Director Susan Rayner. Ein typischer Dialog beim Sex:

Susan: You disgust me! You dirty, filthy, repulsive son of a bitch, you make me want to puke!!
(Du ekelst mich an! Du bist ein dreckiger, widerwärtiger Hurensohn. Ich könnte kotzen!!)        

Billy: Wait’ll you see where I wipe my dick, luv.
(Dann wart mal ab, wo ich meinen Schwanz abwischen werde, Süße.)

Bei solchen Dialogen wird jede noch explizitere Darstellung hinfällig. Extremer und hässlicher geht es kaum, und dazu ein Zeichenstil, der die Stimmung verstärkt und nicht konterkariert.

Teilweise unglaublich derbe Gewaltdarstellungen. Aus The Boys Nr. 6, S. 2. Es gäbe noch einige weitere Beispiele dieser Art zu nennen, und auch bei der Darstellung von Gewalt kennt die Serie natürlich keine Zurückhaltung. Bereits das erste Bild zeigt in ganzseitiger, detailverliebter Pracht, wie Billy the Butcher mit dem Stiefel den Kopf eines Superhelden zerquetscht. Überraschenderweise sind die Teammitglieder fürs Grobe aber Frenchman and The Female. Frenchman ist ein cholerischer Psychopath, der aus mehr oder weniger nichtigem Anlass bereits in seiner ersten Szene drei Männer äußerst blutig zusammenschlägt; die Zeichnungen lassen sich fast schon als ein Abschlachten interpretieren. The Female ist eine offensichtlich traumatisierte junge, asiatische Frau, die nie spricht und die man auf keinen Fall berühren sollte. Sie kratzt ihren Opfern gerne das Gesicht herunter. Bevor Billy the Butcher sein Team zu Anfang der Reihe wieder zusammentrommelt, arbeitet The Female als Eintreiberin für die Mafia.

Aber egal wie abstrus die Figurenkonstellation erscheint, auch hier wiederholen sich die Muster aus Preacher. Tulip in Preacher hat ihren ersten Auftritt als Mafia-Hitgirl, die ihr erstes Ziel versehentlich verstümmelt, und auch Jesse Custer und Cassidy werden immer wieder als passionierte Kneipenschläger aus niederem Anlass dargestellt. Der Zeichenstil macht den Unterschied. Fraglich nur, ob Garth Ennis das überhaupt bewusst ist.

Nun zeigen sich aber gerade die erklärten Freunde des schlechten Geschmacks teils enttäuscht von der Entwicklung in The Boys, und tatsächlich entpuppt sich die Reihe trotz aller Ruppigkeit als lesenswert.

Billy the Butcher wird von der ersten Szene an als absolut skrupellos und manipulativ dargestellt. Je nach Bedarf gibt er sich kumpelhaft, herzlich und verantwortungsvoll, doch ist er vor allem eiskalt, gehässig, sexistisch, zynisch und mörderisch. Eine derart ambivalente Hauptfigur hat man selten gesehen. Interessant ist aber auch The Female, in der trotz aller Gewaltausbrüche ein liebesbedürftiges Kind schlummert und zu dem einzig der Frenchman eine zärtliche Beziehung aufbauen kann. Mother’s Milk, der vierte der Boys, ist der scheinbare Ruhepol, der als einziger das Zusammenspiel in der Gruppe reflektieren kann. Er ist in vielerlei Weise das Gegenstück zu Butcher, aber auch er hat natürlich seine Gründe, mit Butcher zusammenzuarbeiten.

Wee Hughie, einer der Boys, wurde nach dem Schauspieler Simon Pegg gestaltet. Der tatsächliche Sympathieträger aber ist Wee Hughie, der zu Beginn der Serie durch ein Gefecht zwischen Supermenschen seine Freundin verloren hat und deshalb von Butcher für die Boys rekrutiert wird. Wee Hughie, für dessen Aussehen Schauspieler Simon Pegg (Shaun of the Dead) Pate stand, ist der eigentliche Protagonist, ein sympathischer kleiner Niemand, um den man sich gerne Sorgen macht, gerade bei dem Umgang, den er pflegt. Kernstück seiner Geschichte ist aber natürlich seine Liebesbeziehung zur eingangs erwähnten Superheldin Annie January a.k.a. Starlight, eine verbotene Liebe, denn sowohl die Boys als auch die Seven wollen sich gegenseitig vernichten. Ein Großteil der Spannung entsteht aus eben diesem klassischen Plot.

Die Reihe wird in ihrem Verlauf immer wieder auf frühe Derbheiten zurückfallen, doch entfaltet sich mit zunehmender Dauer eine überaus gut strukturierte Haupthandlung, und streckenweise ist sogar der Humor recht amüsant. Auch die Zeichnungen werden mit der Zeit glatter und gefälliger, was auch daran liegt, dass Darick Robertson später Unterstützung von seinen Kollegen Russ Braun und John McCrea bekommt. Zwar wird Darick Robertson unter Boys-Fans häufig als der beste Zeichner der Reihe gehandelt, doch stört mich seine Schwäche, die er mit der richtigen perspektivischen Darstellung von Personen im Raum hat. Russ Braun ist dagegen vom Stil her weitaus unspektakulärer und zahmer, ohne freilich die Klasse eines Steve Dillon zu haben. Am meisten hat mich überrascht, wie gut John McCrea inzwischen geworden ist.

Sehr atmosphärische Bilder von John McCrea Aus The Boys – Herogasm 2, S.21. Garth Ennis und Darick Robertson haben bei The Boys mit einer derartigen Derbheit losgelegt, dass man keinem böse sein kann, der diesen Weg nicht mitgehen will. Auch DC Wildstorm, der ursprüngliche Verleger der Boys, wollte diese Reihe nicht weiter tragen, obwohl sie zuvor großspurig angekündigt hatten, es wäre die Serie „to out-Preacher Preacher“. Das war die Serie in der Tat, aber dann eben doch auch zu heftig für DC. Dynamite sprang in die Bresche, DC gab sich kooperativ, und Garth Ennis und seine Mitarbeiter konnten weitermachen, ohne weitere Einschränkungen befürchten zu müssen.

Stellt sich nur noch die Frage, ob der Serie einige redaktionelle Einschränkungen nicht vielleicht doch gut getan hätten, denn zweifellos ist Ennis auch ohne Tabubrüche von der Stange ein sehr guter Erzähler. Sicherlich sind explizite Sex- und Gewaltdarstellungen bei Ennis ein Stück weit Imagepflege, doch sind seine Derbheiten nicht immer Selbstzweck, sondern oft auch Thema der Geschichten beziehungsweise Teil der Figuren. Die eine oder andere Szene mag zwar dann tatsächlich etwas over the top sein, doch war es tatsächlich bei The Boys im Rückblick weniger oft der Fall als zuerst vermutet. Es mag auch überraschen, dass Garth Ennis gerade den weiblichen Superhelden am ehesten sympathische Attribute zuerkennt. Vielleicht ist seine Darstellung von männlicher Dominanz in einer gewalttätigen Welt doch kritischer und reflektierter, als man zunächst glauben möchte.

Trotzdem: Man muss The Boys nicht mögen. Es gibt andere, weniger sperrige Serien, die ebenfalls hervorragend sind. Man muss aber trotzdem das erzählerische Talent von Garth Ennis loben, der mit den Boys trotz aller Wildheit einen hervorragenden Thriller gestrickt hat. Man sollte die Reihe mit ihren Eigenheiten einfach akzeptieren: Der Spruch „You can’t judge a book by its cover“ trifft hier zu. You can’t judge a series by the first few issues, either.


The Boys © Spitfire Productions Ltd. und Darick Robertson. Abbildungen © Darick Robertson, Steve Dillon, Russ Braun und John McCrea



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